Es geht um das schönste Heimatbuch, das seit langem erschienen ist. Und es sind deren viele erschienen. Heimat hat Konjunktur. Aber dieses Buch, das sei ausdrücklich gesagt, hat nichts mit Konjunktur zu tun, weil es mit dem land-läufigen Heimat-Begriff nichts zu tun hat. Die Intention des Buches liegt weitab von den Organisationsbüros und Werbeplakaten der Fremdenverkehrsindustrie, weit ab von Verwertbarkeiten ideologischer und ökonomischer Art –

André Ficus/Martin Walser: „Heimatlob“, ein Bodenseebuch; Verlag Robert Gessler, Postfach 23 20, Friedrichshafen 1; 79 S., Abb., 29,80 DM.

Schon einmal, ausgerechnet und mit Absicht 1968, hat Martin Walser ein Buch mit dem Titel „Heimatkunde“ veröffentlicht, in dem der alemannische Dialekt gleichrangig behandelt wird wie Auschwitz und Vietnam. In „Heimatlob“ bleibt Walser vor der Tür: es geht um seine allernächste Umgebung, den Bodensee als Heimatland. Nirgendwo ist auf den 36 Seiten Text von der Anstrengung des Begriffs, der Definition die Rede, aber von nichts anderem handeln sie. Walser entzieht ohne viel Aufhebens das Wort seiner deutschen Vergangenheit, und führt es an eine bestimmte Landschaft zurück. Dieses Zurückführen des Begriffs zu seinem Gegenstand ist für ihn eine Denk-, Seh- und Fühl Bewegung – dem Statischen entgegengesetzt. Auf jeder Seite erkennt der Autor eine andere Facette seiner Umgebung und läßt sich darauf ein: einmal sind es die „Kirschen, Apfel, Trauben und Birnen die sich „glänzend“ herumreichen, dann stellt er sich dem Wind als Teil der Natur zur Verfügung, um auszuprobieren, wo er noch zu ihr gehört, ob überhaupt.

Er entdeckt unvermittelt eine Brunnenfigur in Überlingen, die den Bodensee-Mystiker Heinrich Seuse darstellt. Der See, die Wolken, der Himmel – alles führt ihn wieder zurück auf sich selbst, auf die Frage nach der eigenen Identität „Ich liebe den See, weil es sich bei ihm um nichts Bestimmtes handelt“, heißt es da; und weiter: „Wie schön wäre es, wenn man sich allem anpassen könnte. Auf nichts Eigenem bestehen. Nichts Bestimmtes sein. Das wäre Harmonie. Gesundheit. Ichlosigkeit. Todlosigkeit.“

Mit konkreten Erfahrungen füllt Walser also die auf eine Worthülse heruntergekommene Kategorie Heimat, entzieht ihr die braune Einfärbung durch die neue, geradezu wetterfeuchte Frische seiner Erlebnisfähigkeit. Vor allem sind es unverbrauchte Farben, die er aus Landschaft und der eigenen Individualität herausreizt.

Nichts ist zu spüren von abgestandener bürgerlicher Innerlichkeit, keine Romantizismen mühevoll herübergerettet aus dem 19. Jahrhundert. Natürlich ist „Seele“ eine Bestimmung im Erkenntnisfluß des Autors, auch „Ergriffenheit“ und „Empfindung“ – aber er verbindet sie mit Geschichte, spricht von „historischer Empfindung“, genauso wie er angesichts von Landschaft die Kategorie der Arbeit nicht vergißt.

Hier wird also nicht völkisch allgemein herumgemogelt. Hier wird jedes Wort an die konkrete Erfahrung gebunden und nicht vom erfahrenen Subjekt gelöst – da kann sich nichts verselbständigen: „Die Luft ist süß von Geschichte, von Durchdachtheit klar“ – das Motto.