Deutsche Philosophen – neu gelesen (II)

Von Pierre Bertaux

Am 24. September 1886 sandte „der Einsiedler von Sils-Maria“, wie er sich selbst bezeichnete, sein Buch „Jenseits von Gut und Böse“ an die liebe, naive Malwida von Meysenbug, doch mit dem warnenden, Vorsicht gebietenden Zuruf: „Verzeihung! Sie sollen es nicht etwa lesen, noch weniger mir Ihre Empfindung darüber ausdrücken. Nehmen wir an, daß es gegen das Jahr 2000 gelesen werden darf ...“ (Unterstreichung und Auslassungspunkte von Nietzsche selbst.)

Der vor hundert Jahren von Nietzsche genannte Termin, das Jahr 2000, rückt heran. „Dürfen“ wir vielleicht jetzt sein „Vorspiel einer Philosophie der Zukunft“ (wie es im Untertitel hieß) „lesen“, das heißt: anders lesen, als es bis jetzt möglich war?

Die neue Ära eines lebendigen Nietzsche-Verständnisses bahnt sich an: eine wahre Auferstehung.

Es begann vor zwanzig Jahren mit der erstmals anständigen und praktischen Schlechta-Ausgabe. Heute aber liefern die RGW und die KGB (lies: „Kritische Gesamtausgabe von Nietzsches Werken“ und „Kritische Gesamtausgabe von Nietzsches Briefwechsel“) dem interessierten Leser eine saubere, mit kritischer Akkuratesse aufbereitete Arbeitsgrundlage, über die man sich mir freuen kann.

Im Anschluß an Nietzsches überlieferte briefliche Mitteilungen bringt die KGB sämtliche an ihn gerichtete Briefe sowie die zeitgenössischen Briefzeugnisse über ihn, dazu Lebenszeugnisse und Gelegenheitsnotizen aus seinen Manuskripten. Das Ganze wird etwa 20 Bände umfassen, deren Publikation begonnen hat. Der Wert dieser von den Herausgebern der KGB, den Italienern Giorgio Colli und Mazzino Montinari, geleisteten Arbeit übersteigt bei weitem das dadurch außerordentlich geförderte Interesse an Nietzsches Lebensgeschichte. Mit dieser Brief- und Dokumentensammlung eröffnen sich neue, ganz wesentliche Perspektiven für die Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts.