Glückskette oder Teufelskreis
Nach der Wahl in Schleswig-Holstein: Für den Kanzler wird es schwieriger
Von Rolf Zundel
Wenn beim Nachzählen das Wahlergebnis von Schleswig-Holstein nicht noch einmal um ein paar hundert Stimmen verrutscht, hat wenigstens einer Grund, erleichtert zu sein: Gerhard Stoltenberg. Er hat es der CDU ermöglicht, in Kiel für vier Jahre weiterzuregieren. Alle anderen Parteistrategen, nicht zuletzt die seiner eigenen Partei, haben weniger Grund zur Freude und mehr Anlaß, darüber nachzudenken, was dieses Wahlergebnis eigentlich bedeutet. Auch dieses Ergebnis, wie viele andere zuvor, entbehrt der tröstlichen oder der schrecklichen Zukunftsgewißheit.
Die Wahlen von Schleswig-Holstein bieten nur eine Momentaufnahme der politischen Entwicklung, dazu in einem kleinen Ausschnitt. In die mittelfristige Entwicklung fügen sich die Verluste der CDU und die Gewinne der SPD glatt ein; da hat sich seit den Hamburg-Wahlen im letzten Frühjahr eine ziemlich feste Regel herausgebildet. Die FDP indes spottet solcher Regelhaftigkeit. Eine Zeitlang durfte sie sich in freundlicher, manchmal fast unheimlicher Wählergunst sonnen, jetzt ist sie wieder in die Wechselbäder des Zweifels zurückgestoßen worden.
Die Freien Demokraten müssen bei jeder Wahl um Aufmerksamkeit und Attraktivität besonders bemüht sein, aber wie dies geschehen kann, das ist eines der am besten gehüteten politischen Geheimnisse. In Rheinland-Pfalz hatten sie praktisch darauf verzichtet, sich zu erklären, was offenbar viele Wähler sehr einleuchtend fanden; in Schleswig-Holstein haben sie viel erklärt, auch verschiedenes, aber offenbar wenig, was ihre Sympathisanten fasziniert hätte.
Und schließlich die Grünen; mäßige 2,4 Prozent haben sie bloß zusammengeklaubt – und dies nach Harrisburg! Realpolitiker aller Schattierungen sind sich denn auch einig: Aus denen wird nichts.
Ein Ergebnis also nach Maß, so scheint es, für Helmut Schmidt: die beiden Lager fast gleich stark, aber mit Vorteilen für die Koalition und vor allem für die Partei des Kanzlers. Der Zugewinn in Schleswig-Holstein läßt sich leicht durch sein erfolgreiches Regiment erklären; was zum Sieg fehlte, geht auf Kosten von linken oder liberalen Unzulänglichkeiten im Lande. Wenn der Sieger in Schleswig-Holstein Gerhard Stoltenberg heißt, so scheint der Sieger in Bonn Helmut Schmidt zu sein.






