Die Ölpreise machen die deutschen Aktienkurse – so oder so. Vor einer Woche noch drückte auf die Bewertung deutscher Aktien die Sorge, daß die gestiegenen Ölpreise die ausländischen Abnehmer der deutschen Industrie zur Importdrosselung zwingen könnten. In dieser Woche kletterten die Aktienkurse, weil Dlländer einen Teil ihres Geldsegens in Mark tauschten und Aktien kauften.

Das unterstreicht die These des Frankfurter Tagesdienstes, der kürzlich schrieb: Wenn das Ausland nicht da ist, geht nichts. Lange Zeit ging wirklich nichts mehr – außer nervösen Kursrucks nach unten. Aber zwei Tage Auslandskäufe reichten aus für eine Aufwärtsbewegung, die in Teilmärkten Haussecharakter annahm, dann aber zu einer begrenzten Reaktion führte. Die Ölländer selbst bewerten deutsche Unternehmen in der Zeit der Ölteuerung offensichtlich anders, höher als deutsche Anleger und vor allem als der deutsche Berufshandel.

Eine gewisse Kehrtwendung in der deutschen Denkweise könnte allerdings die von Bundesbankexperten geäußerte Meinung bewirken, daß die Förderländer ihre Öldollars schließlich nicht vergraben oder ausschließlich in den USA ausgeben, sondern zum Teil auch für Einkäufe, in Europa verwenden. Das könnte mit zum Kursanstieg der Maschinenbauaktien beigetragen haben. Sie, die Autowerte und – natürlich – die Siemens-Aktie profitierten von den Auslandkaufen am stärksten.

Sogar die doppelte Autosorge – Auftragsstagnation im Herbst und Tempolimit mit Nachteilen vor allem für die Hersteller schneller Wagen – wurde vom Auslandsrun auf die Spitzenwerte der deutschen Autoindustrie überdeckt.

Schließlich profitieren auch die Ölaktien selbst von den gestiegenen Preisen; und die Phantasie der Börse wird noch stärker angeregt von den Erwartungen immer höherer Ölpreise. So stiegen sie alle, Royal Dutch, VEBA, Preussag und vor allem die viel spekulativere „Nordsee-Aktie“ Norsk Hydro, die am Montag einen Sprung um 17 Mark nach oben machte (172), den sie allerdings nicht ganz halten konnte.

Vergessen sind auch die Sorgen der Warenhauskonzerne darüber, daß die private Kaufkraft zu stark von den Öl- und Benzinpreisen gebeutelt werden könnte. Tageskurssteigerungen um sieben Mark belegen es.

Doch hier ist Vorsicht geboten. Zwar ergab die jüngste Verbraucherbefragung der Forschungsstelle für empirische Sozialökonomik in Köln, daß die Verbraucher weiterhin Spaß am Konsum haben. Sie glauben offenbar trotz aller in der Öffentlichkeit verbreiteten Energie-Hysterie weiterhin an eine günstige Entwicklung der Wirtschaft und ihrer persönlichen Einkommen. Die Kölner Forscher halten daher eine Zunahme des privaten Konsums um nominal 7 bis 7,5 und preisbereinigt um 3,5 bis 4 Prozent für realistisch. Doch ob die vermutlich um 30 bis 50 Prozent höheren Heizkostenpauschalen und hohe Nachzahlungen im Herbst den Konsumenten nicht doch noch den Spaß verderben, kann niemand wissen. Für das wichtige Weihnachtsgeschäft des Einzelhandels wäre das ein harter Schlag, der auch in den Kursen der Warenhausaktien tiefe Spuren hinterlassen müßte.

Daß über dem allen die Chemieaktien etwas vernachlässigt wurden, kann nicht überraschen, auch nicht, daß die Versorgungspapiere mit dem Problem „Kohle- oder/und Kernkraftwerke“ in den Hintergrund vorübergehender Vergessenheit gerieten. its