Die Freude über mehr Toleranz in der Auseinandersetzung um die Gesamtschule war verfrüht. Kaum hatten die Zeitungen gemeldet, die CDU- oder CSU-regierten Länder und die SPD/FDP-regierten hätten sich darauf geeinigt, ihre unterschiedlichen Standpunkte in der Gesamtschulfrage zu respektieren und anzuerkennen, da trieb der bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß die Seinen wieder in die ideologischen Gräben zurück. Strauß über die Veröffentlichungen („Das Ende eines Glaubenskrieges“, Süddeutsche Zeitung) irritiert, witterte sogar Verrat im eigenen Kultusministerium.

Was war geschehen, das den bayrischen Politiker so in Wut gebracht hat, daß er im ersten Zorn sogar die Staatssekretärin im Kultusministerium Mathilde Berghofer-Weichner feuern wollte?

Die Staatssekretärin hatte in der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschurigsförderung (BLK) einer Kompromißformel über die Gesamtschulen zugestimmt, und somit den Weg zur Fortführung des Bildungsgesamtplanes von Bund und Ländern bis 1990 geebnet. Der hier vereinbarte Kompromiß ändert freilich an den prinzipiell unterschiedlichen Positionen von CDU/CSU einerseits und SPD/FDP andererseits nichts. Die Kultusminister kamen nur überein, daß keiner versucht, dem anderen seine Schulpolitik aufzuzwingen. So heißt es denn auch in dem Papier für die Unions-regierten Länder: Sie verfolgen das Ziel, „das gegliederte Schulwesen mit seinen nach Anforderungen differenzierten Schularten (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) zu erhalten und, wo es notwendig ist, weiter zu entwickeln“. Die Gesamtschule behält ihren Status als Versuchsschule. Anders die sozial-liberal regierten Länder: Für sie ist. es „auf Grund der umfangreichen in- und ausländischen Erfahrungen und Auswertungen gerechtfertigt, die Gesamtschule als eine Regelschule im Sekundarbereich I einzuführen, aufzubauen und weiterzuentwickeln“.

Diese Toleranzvereinbarung beschreibt die heutige Schulpraxis. In Hessen, Bremen, Berlin, Hamburg, Nordrhein-Westfalen (sozialdemokratisch oder sozial-liberal regiert) gibt es mehr Gesamtschulen als in den Unions-Ländern Bayern, Baden-Württemberg, Saarland, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. In Berlin ist die Gesamtschule neben den drei änderen Schulen bereits Regelschule, in Hessen und Nordrhein-Westfalen wird dies von den Sozialdemokraten angestrebt. Gemessen an dem jahrelang erbittert und oft ideologisch zugespitzt geführten-Streit, ist diese Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner sicherlich ein Fortschritt. Doch für den CSU-Vorsitzenden Strauß ist es ein Schritt in die falsche Richtung. Er weigert sich, ein Papier zu akzeptieren, in dem einige Bundesländer erklären, sie hielten die Gesamtschule für eine mindestens so gute Schule wie die drei anderen herkömmlichen Schultypen. Herrisch verkündete Strauß in einer Presseerklärung, die eher einem Tagesbefehl gleicht: „Die Staatsregierung hat nicht die Absicht, der Einführung der Gesamtschule als Regelschule weder in Bayern noch anderswo zuzustimmen.“ Der niedersächsische Kultusminister Werner Remmers, den Strauß in derselben Presseerklärung hart kritisiert und ihm unterstellt, er mache mit dem politischen Gegner, der SPD, gemeinsame Sache, kommentierte trocken: „Das stand gar nicht zur Debatte.“

Remmers will die Auseinandersetzung über die Gesamtschule – und da trifft er sich mit einigen Sozialdemokraten – vom Streit über die Organisationsform wegführen und lieber über die Inhalte, über die pädagogischen Möglichkeiten der Schule debattieren. Der Kultusminister verlangt „Spielraum für eine eigene Schulpolitik innerhalb der Bandbreite der CDU-Politik“. Remmers: „Die Bayern sollen mich in Ruhe lassen, ich will ihnen ja auch nicht meine Schulpolitik aufzwingen.“ Strauß wird ihm freilich keine Ruhe gönnen. Er will nicht nur verhindern, daß die Gesamtschule in anderen Bundesländern eine der Regelschulen werden könnte, sondern er will „mit allem Nachdruck in Bayern und bundesweit“ am gegliederten Schulsystem festhalten. Das heißt im Klartext: Die übrigen Länder sollen sich dem Diktat des Franz Josef Strauß beugen. Der ultrakonservative Zentralist schert sich dabei weder um die Kulturhoheit der Länder noch um den Willen der Eltern, die auch in Bayern weitere Gesamtschulen fordern und in Hamburg für neue Gesamtschulen gestimmt haben.

Von der totalen Konfrontation hält der niedersächsische Kultusminister hingegen gar nichts. Er ist davon überzeugt, daß das Überleben der Demokratie davon abhängt, ob man auch Kompromisse schließen kann. Remmers: „Das ist eine prinzipielle Frage.“ Für Strauß auch, nur genau umgekehrt. Er rechnet sich wahrscheinlich aus, mit einem Kreuzzug gegen die Gesamtschulen bei der kommenden Bundestagswahl 1980 Stimmen zu erjagen. Das Thema Schule erregt die Leute, entfacht Emotionen. Das Beispiel des erfolgreichen Volksbegehrens gegen die kooperative Schule in Nordrhein-Westfalen und die Auseinandersetzungen um die hessischen Rahmenrichtlinien scheinen ihm recht zu geben. Dem hält, der CDU-Kultusminister Remmers in einem internen Thesenpapier über die Bildungspolitik seiner Partei entgegen: „Wir können nicht noch weitere sechs Jahre von dem Abscheu über die hessischen Rahmenrichtlinien leben.“

Remmers rechnet seinen Parteifreunden vor, daß zum Beispiel das Eintreten für die Gesamtschule den Sozialdemokraten im schleswigholsteinischen Wahlkampf nicht geschadet hat. Der CDU-Politiker stellt die Frage: „Könnte es sein, daß die CDU ihr bildungspolitisches ,Godesberg’ noch vor sich hat, so wie die SPD in der Wirtschaftspolitik ihr Godesberg hinter sich bringen mußte, um (mit der FDP) mehrheitsfähig zu werden?“

Strauß wird ihm auf dem Weg nach Godesberg sicherlich nicht folgen. Doch bei Waterloo könnte sich der CSU-Vorsitzende mit seiner Bildungspolitik eines Tages wiederfinden, falls er den anderen Ländern seine Schulpolitik diktieren will, und falls er die Denkfähigkeit der Eltern weiterhin so bewußt mißachtet. Claus Voland