Wie sehr der SED der Streit mit ihren Künstlern und Intellektuellen unter die Haut geht, offenbarte am Wochenende die Parteizeitung Neues Deutschland. Unter der Überschrift „Unerschütterliches Bündnis zwischen der Partei und den Kulturschaffenden“ wurde da auf fast sechs riesigen Zeitungsseiten wiedergegeben, was so schön „schöpferische Aussprache“ genannt wird und doch keinen anderen Zweck hat als den, die Wellen zu glätten.

Gewiß gab es Zwischentöne. SED-Chef Erich Honecker bekräftigte seine alte Formel, daß es in Kunst und Literatur keine Tabus geben dürfe, wenn man nur von der festen Position des Sozialismus ausgehe. Und artig bedankte sich der Präsident des Schriftstellerverbandes, Hermann Kant, für die „durchaus nicht unnötige“ Bestätigung des vor acht Jahren verkündeten Kurses. Aber was ist seitdem geschehen! Fortschritte einerseits, vor allem in der bildenden Kunst; Repression, Resignation, Emigration anderseits, vor allem zu Lasten der Literatur. Die Grenzen einer in Worte gefaßten Ideologie sind anscheinend mit dem geschriebenen Wort schneller erreicht als mit dem gemalten Bild. Die Feder ist spitzer als der Pinsel.

Es klang, als seien die Kulturfunktionäre auch zur Auseinandersetzung mit kritischen Meinungen bereit. Hermann Kant beklagte bei dem Treffen von Partei und Kultur, daß sogar ihn manche Begründung, mit der etwas für undruckbar erklärt wurde, fassungslos gemacht habe. Was aber heute Sache ist, sagte ebenfalls Hermann Kant: Man werde sich die Linie der Partei nicht in einem einzigen Punkt verbiegen oder unterbrechen lassen. Erich Honecker machte es noch deutlicher: Wer zwischen den Linien steht, ist auf dem Platz der Verlierer.

Da bleibt dann eben kein Spielraum, für Detailkritik nicht und für Grundsätzliches schon gar nicht. Robert Havemann, der wegen „Devisenvergehens“ verurteilte Denker zwischen den Linien, redet tauben Ohren, wenn er in einem Brief an den Kulturchef im Politbüro, Kurt Hager, die freimütige und öffentliche Auseinandersetzung der Partei mit ihren Kritikern fordert. „Meint ihr immer noch, daß unser Staat zusammenbricht..., wenn ihr diesen Vorschlägen folgt?“ fragt Havemann.

Die Genossen im Politbüro meinen das nicht nur, sie wissen es. J. N.