ARD, Donnerstag, 21. Juni: „Mutti hat uns verlassen“, alleinstehende Väter und ihre Probleme; Film von Horst Cierpka

Ein Trikotagenhändler, der seine Bademoden Ende Dezember auf den Markt wirft – nein, den gibt es wohl nicht. Und auch den Fußballfunktionär, der die Spiele am Wochentag um 11 Uhr früh anpfeifen läßt, wird man vergebens suchen. Eine Fernseh-Planungskommission hingegen, die es fertigbringt, interessante Filme ausgerechnet dann darzubieten, wenn die Zielgruppen ganz gewiß nicht vorm Apparat sitzen können – diese Kommission gibt es wirklich. Die braucht man nicht zu erfinden. Die ist seit Jahr und Tag auf Nonsens abonniert: Arbeigen von Berufstätigen nachmittag! um vier. Der pure Aberwitz: Da wird ein vorzüglicher Streifen – übrigens im Frauehprogramm – über die-Probleme von alleinstehenden Vätern realisiert, ausgestrahlt mitten in der Woche um 16.15 Uhr.

Das muß man sich, noch einmal, sehr genau vorstellen: Da bringen es Bürokraten fertig, einen Film von großer Bedeutung, die Emanzipation des Mannes betreffend, zu einer Zeit zu senden, in der die solcher Emanzipation Bedürftigen nicht zuschauen können. Und versäumten darüber sehr viel, die Männer. Versäumten den Anschauungsunterricht, den ihnen – ein jeder von seiner Frau verlassen – ein Kanzleibeamter, ein Gärtner, ein Postangestellter, ein Assistent und ein Lehrer erteilten: daß auch ein Mann so weit wie eine Frau kommen und Beruf (in Grenzen freilich, große Karrieren sind da nicht zu machen), Kindererziehung und Haushalt zugleich besorgen kann: je intelligenter und ehrgeizloser er ist, desto leichter. Und leichter auch, das gehörte zu den vielen interessanten Randergebnissen des Films, wenn er Söhne aufzieht und keine Töchter, die im Angesicht des werkelnden Hausmanns ihr „So nun ganz gewiß nicht“ noch entschiedener formulieren als, auf ihre Rolle verwiesen, vor den Augen der Mutter.

Da wurden fünf Beispiele vorgeführt, die, im Wechselspiel von Szene und Bericht, atmosphärischer Darstellung und Kommentar aus der Betroffenen-Sicht, blitzartig erhellten, was es bedeutet, von einem Tag auf den anderen eine Rolle spielen zu müssen (und dies freiwillig, ums Sorgerecht kämpfend), für die es keinerlei Vorbereitung gab... und die Beschreibung dieses großen „Sprungs“, die Analyse des „von einem Tag zum andern war alles von Grund auf anders“: Das gab diesem Film seine Faszination – einem Film, der sich nicht mit einer Zustandsbeschreibung begnügte, sondern in die Frage mündete, ob, was die elterliche Gewalt nach der Scheidung betrifft (§ 1671 BGB), der Grundsatz „Im Zweifelsfall gehören die Kinder zur Mutter“ noch länger absolute Gültigkeit beanspruchen darf. Die gezeigten Ausnahmen – und solche waren es – stellten vertraute Vorurteile in Frage: Grund genug, um diesen Film, der fünf emanzipierte Opfer (in Anführungszeichen!) der Frauenemanzipation (auch dies in Anführungszeichen) vorführte, zu einer Zeit zu wiederholen, in der die eigentlichen Adressaten dieser sorgsam abwägenden und nichts beschönigenden Dokumentation (problematisch bleibt, dies wurde deutlich, das familiäre Single-Dasein auf jeden Fall) zuschauen können. Momos