Kino: Neue Arbeiten des Experimentalfilmers Bastian Clevé

Am 8. Juni 1979 wurde in Berlin zum zweitenmal ein Deutscher Filmpreis an Bastian Cleve übergeben: für „Am Wegesrand“, einen ansehnlichen Komplex aus dem experimentellen Langspielfilm „San Francisco Zephyr“. Im Jahr zuvor war Cleve bereits für den Kurzfilm „Empor“ ausgezeichnet worden. Mit dieser ungewöhnlich schnell wiederholten öffentlichen Ehrung wurde ein Filmmacher bedacht, dem das Publikum nicht gleichgültig ist. So stark er das Filmmaterial auch bearbeitet, die experimentelle Technik bleibt auf die Servicefunktion beschränkt: den Dienst am Kunden. Kundschaft des „San Francisco Zephyr“ ist all das, was ihm und seinem Team (das ist im wesentlichen seine Frau Marlies) auf dem Weg von New York nach San Francisco begegnet ist, am Wegesrand. Was man aus dem Abteilfenster des Eisenbahnzuges, des San Francisco Zephyr, sieht, bleibt nicht nur erhalten, sondern erfährt in der technischen Bearbeitung eine Steigerung.

Die ferne Silhouette einer Stadt wird zum Inbegriff einer Silhouette, der Untergang der Sonne zum Sonnenuntergang schlechthin, das Rodeo zum exotischen Volksvergnügen. Charakteristisch für Cleve ist die Einzelbildtechnik. Das Material hat er ausschließlich zu Hause bearbeitet, am Printer (dem Einzelbildprojektor). Ein Rodeo-Reiter und ein Kalb sind zeitversetzt überblendet; die Zeitdifferenz wird immer mehr verringert, bis Lasso und Kalb zusammenkommen: Das ist der Moment, in dem das Kalb gefangen und gebändigt ist. 80 000 Überblendungen sind im „San Francisco Zephyr“ zu zählen. Es geht aber nicht um die Technik, sondern um das Kalb, das Lasso und den Reiter. So hat auch Spaß am Film, wer nicht bis 80 000 zählen will.

Da die Printer-Technik als Mittel eingesetzt wird, um die Existenz der schönen Bilder zu steigern, wird man im „San Francisco Zephyr“ vergeblich nach einer stilistischen Großstruktur suchen, die den Film zusammenhält. Die Bilder der Reise sind zu sehen, eben dies, aber gesteigert zu Exponaten. reiner Aufstellung, eines National Monument. Schöne Monumente sind zu sehen: Eine euphorische Ankunft in der Abendsonne. Graphische Palmen im Mondlicht. Eine bunte Parade in San Francisco. USA für den durchfahrenden Reisenden. Scott Walkers Song „Coming home“ erhöht die attraktive amerikanische Landschaft zum Objekt hemmungsloser Zuwendung.

Vor Cleves Liebes-Blick verschwindet alles Störende. Das grandiose Berg- und Gletscherpanorama findet erst im Printer-Stil seine wahre Größe: Touristen, die vor der Kamera hin- und herhuschen, werden von der Technik ins Atmosphärische aufgelöst; ihre schemenhafte Unruhe erhöht noch die Monumentalität der stillen Gipfel. Emotionen sind es, die Cleve zeigt, und das unterscheidet ihn auf publikumswirksame Weise von den strukturellen. Filmmachern, denen der Film Forschungsobjekt ist.

Clevé, Jahrgang 1950, hat zwei Jahre im Fernsehstudio München gearbeitet, bevor er Student der Hochschule für bildende Künste in Hamburg wurde. Das Praktische dominiert seitdem in seinen Filmen: schon ein Dutzend seit 1975. Im „Deutschlandfahrer“ (77 Minuten, 1978) führt die Printer-Technik uns ein exotisches Volksvergnügen der näheren Heimat vor Augen: ein sehr fremdartig wirkendes Schützenfest in Dannenberg. In „Tollhaus“, seinem jüngsten, kurzen Film verzichtet Cleve auf den Ton. Die Struktur ist Rhythmus genug. Verlangsamung und Verdichtung bringen experimentellen und narrativen Film auf einen Nenner. „Tollhaus“ ist ein lyrischer Film und ein frecher dazu. Geschichten aus zehn Jahren werden auf den Punkt gebracht. Alles Neben- und Nacheinander wird zum Gleichzeitigen, zum „Verweile doch, du bist so schön“. Bastian und Marlies Cleve aber sind schon abgereist, nach Los Angeles zu Dreharbeiten für den neuen Langspielfilm „Sunset Boulevard Sunset“.

Verleih: Cinepro Ingo Petzke, Osnabrück. Nächste Aufführungen’ von „San Francisco Zephyr“, „Deutschlandfahrer“ und „Tollhaus“ am 15. 7. 1979 im Stadtmuseum München.

Dietrich Kuhlbrodt