Zweiundfünfzig Stunden lang mußte der frühere Führer der britischen Liberalen um den Freispruch zittern. Die darin enthaltenen zwei Nächte brachte er in einer U-Haft-Zelle zu. Letzte Phase des Purgatoriums, das er seit Jahren durchlebt hatte. Das Opfer eines möglichen Erpressungsversuchs nach möglicherweise einmaligem – Thorpe sagt: keinmaligem – homosexuellen Verkehr hat schwer gebüßt, ehe es zur Anklage durch den Staatsanwalt kam. Dieser glaubte beweisen zu können, Thorpe habe mit Freunden die Ermordung des Erpressers geplant und angestiftet. Nichts konnte der Staatsanwalt beweisen.

Keine Sternstunde englischer Strafverfolgung also, und ganz bestimmt eine Nachtstunde britischer Politik. Von Macmillan über Heath bis zu Wilson und Callaghan wußten vier Londoner Premierminister, was sich da zusammenbraute. Wilson tippte sogar auf eine südafrikanische Verschwörung gegen Thorpe, dessen Partei sich für Anti-Apartheid-Parolen stark gemacht hatte. Thorpe selbst legte zunächst den Parteivorsitz nieder, dann verlor er auch sein Unterhausmandat, beides, obwohl er unschuldig war. Ehe ihn die neun Männer und drei Frauen im 31-Tage-Verfahren freisprachen, schien die Nation von seiner Schuld überzeugt. Dann wieder sah der Freispruch nur lauter zufriedene Gesichter.

Homosexueller Umgang unter Erwachsenen ist in Großbritannien seit einiger Zeit nicht mehr strafbar. Mordplanung bleibt ein Verbrechen. Zwischen diesen unzusammenhängenden Rechtstatsachen wurde ein so begabter wie leichtsinniger Politiker zerrieben. Warum regt sich eine so notorische Männergesellschaft wie die britische, die ihre Söhne durch Internate, Universitätswohnheime, Kadettenanstalten, Garde, Marine und Männerclubs jahrhundertelang auf die Homoerotik geradezu gedrillt hat, so sehr darüber auf, wenn die Folgen in wenigen Fällen ans Licht kommen?

Mit dem Freispruch nimmt die Heuchelei leider kein Ende. Die Liberalen möchten den Mann, der ihnen 1974 über sechs Millionen Stimmen brachte, schulterklopfend verabschieden. Dazu dient der obskure Streit um eine Spende von popeligen 20 000 Pfund, die ein mieser Gönner dem noch nicht angeklagten Thorpe zur Verfügung stellte. Angeblich sei das Geld „zweckentfremdet“ worden. Thorpes Anwalt hält die Summe zur Rückerstattung: bereit, aber der unedle Spender will die „ursprünglichen“ 20 000 wiederhaben. Auch David Steel, der nette Nachfolger Thorpes, politisch weit weniger erfolgreich, ist zu Vergessen bereit, wenn der Abgang des Freigesprochenen aufs Altenteil nicht mehr als diese Summe kosten sollte.

Thorpe erholt sich derweil in Italien. Die britische Politik erholt sich so leicht nicht. Thorpe mag ein Luftikus gewesen sein, unter seinen modischen Kopfbedeckungen vermutete man immer die Hörnchen des Mephisto. Aber war Wilson vielleicht ein Engel? Oder Churchill?

Karl-Heinz Wocker (London)