Ein Restaurant? – Gewiß doch, oben, gleich nach der Quelle rechts, mit Parkplatz. Ein schmaler Dorfweg, da ist die Quelle und gleich rechts ein großes Haus. Fensterläden geschlossen, zwei Eingänge, einer mit Glocke. Ich läute kräftig, zwei-, dreimal, schriller Glockenton, nichts tut sich.

Zu Fuß zurück – erst im zweiten Anlauf finde ich das Restaurant. Eine schöne Veranda, Sonnenschirme, die freundliche Wirtin. Woher – wohin, schnell erzählt: Photos will ich machen von Montaillou, und die Wirtin sagt, das ist gut, o ja, viele Leute kommen jetzt ins Dorf, seitdem, das Buch erschienen ist von Professor Ladurie vom College de France: „Montaillou, village occitan de 1294 à 1324.“

Während ich esse, ausgezeichnet übrigens, spricht sie vom „Professor“, der nie pünktlich ist. Aha, sage ich, der Bücherschreiber. Nein, nein, nicht der, sondern Monsieur Verne. – Wer? – Ja, der letzte Nachkomme von Jules Verne, der von den 20 000 Meilen unter dem Meer, er wohnt oben unter der Burgruine in dem schönen, großen Haus, ein berühmter Professor aus Paris, Psychoanalytiker. – Ich sage nicht, daß ich es schon kenne, das Haus, und auch nicht, daß ich in dessen Tür schon geklingelt habe.

Endlich erscheint der Berühmte zum Essen, hat einen kaputten Stecker mitgebracht, alle rätseln, varum der es nicht mehr tut. Ich bin inzwischen fertig mit dem Mahl und schreite zur Siesta, von Monsieur Verne in schönstem Englisch um sieben Uhr auf ein Glas geladen.

Punkt sieben, läute ich, die schon bekannte Glocke öffnet diesmal das Tor. Damit bin ich Vorzugsgast, denn Monsieur hat einen wunden Punkt: das bewußte Buch. Gewiß, es ist nicht schlecht geschrieben, auch nicht falsch, aber die Ruhe, die ist hin, perdu. Tausende Touristen stehen im Sommer durchs Dorf, finden nichts außer unschön verfallenen Häusern, irren zum Hügel, stehen Zwischen zwei Mauerruinen und sehen in den Himmel. Nicht nur das, auch ihm gucken sie alle über die Mauer in die Fenster, läuten an der Glocke, zwei-, dreimal.

Dabei hat er vor Jahren gerade diesen Platz gewählt, weil es dort so wunderbar ruhig und friedlich war. Keine Kinder, nur alte Leute, die Schule ist seit 1959 geschlossen. Und jetzt – tägliche Belästigung statt dem ersehnten Frieden.

Seit das Buch von mehreren Fernsehteams (französischen, englischen, amerikanischen) auch noch verfilmt wurde, wollen alle den Ort der Katharer sehen, trampeln überall nun und ihm auf den Nerven. Ob der Film auch schon im deutschen Fernsehen lief? – Nein, aber in der ZEIT erscheint ein Artikel über das Buch. – Ist die Auflage der Zeitung groß? – Ja, ziemlich. – Mon dieu, jetzt also auch noch die Deutschen...