Von Rolf Michaelis

Wenn ein Schriftsteller als Parlamentarier das Handtuch wirft, muß das nicht nur ein Zeichen von Mutlosigkeit sein. In der Sprache des einstigen Seekadetten Dieter Lattmann darf man dies auch so verstehen: Hier zeigt einer Flagge.

Nach vier Jahren anstrengender und erfolgreicher außerparlamentarischer Arbeit als Funktionär von Autorenvereinigungen, die er 1968 zum „Verband Deutscher Schriftsteller“ (VS) zusammenschließen konnte, nach fünf Jahren als Vorsitzender des Verbandes und nach acht Jahren als Abgeordneter der bayerischen SPD für das Allgäu in Bonn will der am 15. Februar 1926 in Potsdam geborene Offizierssohn Dieter Lattmann 1980 kein drittes Mal für den Deutschen Bundestag kandidieren.

Das Wort „Resignation“ mag er nicht hören. Soll einer, der zwölf Jahre, also wohl ein Drittel seines Schriftstellerlebens, als Literaturfunktionär, Organisator, Volksvertreter in Sitzungen und auf Tagungen zugebracht hat, als Dreiundfünfzigjähriger nicht an den Schreibtisch zurückkehren dürfen? Als Bewohner eines Elfenbeinturms kann man sich den gelernten Verlagsbuchhändler auch in Zukunft nicht vorstellen. Jahrelang hat Lattmann als Buchhersteller, Pressereferent, Lektor und Herausgeber in so unterschiedlichen Häusern gearbeitet wie dem Bärenreiter Musikverlag, der auf Naturwissenschaft spezialisierten Franckh’schen Verlagsbuchhandlung oder den belletristischen Verlagen List, Langen-Müller, Piper, Kindler. Seit seiner ersten, 1957 erschienenen Sammlung von Essays und Erzählungen, „Die gelenkige Generation“, hat Lattmann zwei Romane („Ein Mann mit Familie“, 1962; „Schachpartie“, 1968), das Reisetagebuch „Mit einem deutschen Paß“ (1964), die Essay-Bände „Zwischenrufe“ (1967) und „Die Einsamkeit des Politikers“ (1977) sowie Hörspiele, Funkerzählungen und Kritiken veröffentlicht.

Mit zweien dieser Titel hat Lattmanns Entschluß zu tun, Bonn ade zu sagen, den liebgewonnenen Wohnsitz Martinszell im bäuerlichen Wahlkreis Kempten-Lindau aufzugeben und in die Wohnung in München zurückzukehren. Der seit 1950 verheiratete (Latt-)„Mann mit Familie“ (zwei Söhne) schreibt im Titelaufsatz seines Buches über „Die Einsamkeit des Politikers“: „Kaum ein Beruf, der auf den Umgang mit Menschen angelegt ist, macht so einsam wie der des Politikers... Das Mandat frißt den Kandidaten auf Kosten des Privaten ... Die Politik lohnt den ganzen Einsatz, nur nicht den, daß die Person sich verlorengeht.“

Nach den „wahren“ Gründen für den Verzicht auf eine neue Kandidatur befragt, antwortet Lattmann nachdenklich: „Ich habe in Bonn jetzt so viele Politiker erlebt, die in ihrem sozialen Umfeld, in Ehe und Familie, Havarien erlitten haben. Immer sind sie menschlich deformiert daraus hervorgegangen. Und immer war auch zu beobachten, daß deformierte Politik die Folge war. Davor will ich mich rechtzeitig bewahren.“

„Zwischenrufe“ ist der andere Buchtitel, der als Programm zu verstehen ist: Hat Lattmann nicht lange Zeit, ehe er als Abgeordneter im Bundeshaus Platz nahm, als Funktionär deutscher Schriftsteller-Vereinigungen mit Briefen, Eingaben, in Anhörungen und Gesprächen – mit „Zwischenrufen“ eben – die gesetzgebende Arbeit des Parlaments (Urheberrecht, Sozialwerk für Künstler) beeinflussen können? Wenn er sich da nur nicht täuscht. Der Wind hat sich gedreht. Zur Zeit der Großen Koalition, die eine außerparlamentarische Opposition hervorbrachte, in den reformfreudigen sechziger Jahren, drangen Zwischenrufer noch durch, zumal, wenn es um zwar strittige, aber einleuchtende Fragen wie Gewinnbeteiligung der Künstler oder deren Alterssicherung ging.