Aus Sachkundebüchern können Kinder erfahren, daß der Waschbär auch Schupp heißt, sein nächster Verwandter der Kakamizli ist und daß Waschbärenpelze teuer sind. All dieses kommt in Hildesheimers Waschbärengeschichte nicht vor. Vielmehr begleitet der Betrachter vier ausgerissene Waschbärchen auf phantastischer Reise, einem Plünderzug durch Gärten und Wiesen. Die vier verfressenen Burschen, die aus einer Pelzfarm geflüchtet sind, brechen in einem Häuschen ein. Nachdem sie ein mittleres Chaos angerichtet und sich die Waschbärenbäuche vollgeschlagen haben, rollen sie sich auf einem moosgrünen Sofa müde zusammen, ratzen auf veilchenfarbigen Kissen und retten sich schließlich in dramatischer Flucht durchs Klofenster, als die Hausbesitzer kommen. Das letzte Bild zeigt eine hübsche Waldidylle und vier quietschvergnügte Waschbären in einem Badetümpel planschen.

Hildesheimer begleitet die Illustrationen der Schweizer Graphikerin Rebecca Berlinger mit einem behutsam schönen Text, der Kindern das seltsame Unternehmen der vier possierlichen Bären erläutert. Und in diesem Zwiegespräch zwischen allerzierlichsten Illustrationen und einem Erzählton, der zart den Geschichtenfaden spinnt, besteht der Zauber dieses Bändchens.

Der Insel Verlag beweist wieder einmal, daß die Faszination von Bilderbüchern nicht in den Riesenformaten steckt. Die Bilder der Rebecca Berlinger, manchmal nicht viel größer als ein Streichholz, üben auf den Betrachter im winzigen Format eine sanfte Suggestion aus, verknüpfen kompositorische Strenge mit Anmut der gemalten Details und einer kindlichen Lust am hübschen Trödel: dem sternenübersäten Fußteppich, unter dem das Waschbärlein ungeduldig wühlt und schnüffelt, den allerwinzigsten Pantöffelchen aus himbeerroter Seide, der samtigen Hutschachtel, mit Litzen und Bändern, Putzkram und Stoffblumen.

Die oft vermißten leisen Töne im klabauternden Kinderbuch – da sind sie: subtil gemachte, allerfeinste Bilder mit Sprachminiaturen, die Seite für Seite, klar und unverschränkt, durch ihre Abwesenheit von Geheimnistuerei und Wörterakrobatik poetisch sind. Die zierliche Handschrift der Malerin, deren handwerkliches Können am archäologischen Zeichenstudium geschult ist, bringt ohne Schnörkelei, einen stillen Liebreiz in die Bilder, die fernsehstumpfe Kinder unaufdringlich zum genauen Sehen bringen.

Wolf gang Hildesheimer (Text) und Rebecca Berlinger (Ill.): „Was Waschbären alles machen“; Insel Verlag, Frankfurt; it 415, 48 S., 6,– DM.

Ute Blaich