Von Wilfried Kratz

Der junge Mann, der am frühen Abend an der Haustür klingelte, machte eine verlockende Offerte: Für nur hundert Pfund (400 Mark) wollte er die etwas unansehnlich gekieste Einfahrt mit einer Asphaltdecke überziehen. Einige Nachbarn ließen das auch machen, und im Augenblick könnte er ein günstiges Angebot unterbreiten. Er murmelte etwas von Fehlplanung für eine Straßenbaustelle und von überschüssigem Material.

Der Nebenerwerbler, der in diesem Fall auch noch Material, Werkzeuge und Transportmittel schwarz an sich gebracht hatte, ist Mitglied der britischen black economy, der Wirtschaft im Untergrund.

Die Briten interessieren sich in der jüngsten Zeit immer mehr für diesen Sektor. Zeitungen schicken Reporter aus, um die Aktivitäten auf diesem Gebiet zu erforschen; Kommentatoren schreiben sorgenvolle Betrachtungen über den Aufschwung der Schwarzarbeit und den Niedergang von Sitte und Moral. Mit Besorgnis wird die Frage gestellt, ob die Briten eigentlich noch das Recht haben, auf die romanischen Völker als die „klassischen“ Steuerhinterzieher herabzublicken. Dürfen sie wirklich von sich behaupten, daß sie im Geschäftsleben und im Umgang mit fremdem Eigentum korrekter sind als „die Ausländer“?

Der genaue Umsatz der black economy liegt naturgemäß im Verborgenen. Sir William Pile, der höchste Beamte der britischen Einkommensteuerverwaltung, versuchte sich aber jüngst an einer vorsichtigen Schätzung. Danach entgehen etwa vierzig Milliarden Mark oder siebeneinhalb Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Königreichs dem Zugriff seiner Steuereinnehmer. Zur Illustration erklärte Sir William einem Ausschuß des Unterhauses, das sei ungefähr so, als ob jeder achte Brite ein Einkommen von viertausend Mark im Jahr dem Fiskus verschweige. „Diese schwarze Wirtschaft“, so Ihrer Majestät oberster Steuereintreiber, „höhlt die Integrität des durchschnittlichen Steuerzahlers aus. Wir hatten bisher traditionell eine gute Steuermoral, und es wäre sehr traurig, wenn wir sie verlieren würden.“

Trauer scheint angebracht, denn für einen Erfolg im Kampf gegen die Steuerhinterziehung sieht Sir William ziemlich schwarz: „Auch mit mehr Personal bleibt dies ein sehr schwieriges und langwieriges Unterfangen.“

Ein Anzeichen dafür, daß es der schwarzen Wirtschaft erheblich besser geht, als der legalen, sehen Experten in der bemerkenswerten Zunahme des Umlaufs von großen Geldscheinen. Zwischen 1972 und 1978 hat der Umlauf der Zehn- und Zwanzig-Pfundnoten dem Wert nach um 470 Prozent zugenommen, während er im Durchschnitt aller Banknoten nur um 110 Prozent gewachsen ist. Diese Diskrepanz hat nach Meinung der Experten nur wenig mit der kräftigen Inflation in diesen Jahren zu tun. Die Bank von England äußert sich selbst erstaunt über diesen Unterschied angesichts der „konservativen Haltung der meisten Menschen im Umgang mit Geld“.