Von Horst Bieber

Saarbrücken, im Juli

Jedes Bundesland hat seine eigenen politischen Gestaltungsgesetze; für das Saarland lassen sich die wichtigsten Regeln in zwei Sätzen komprimieren. Erstens: „Jeder kennt jeden“; zweitens: „Kritik an der Obrigkeit ist eine subtile (oder gemeine) Form von Landesverrat“. Die erste Aussage spielt auf die Winzigkeit des Ländles an, in der zweiten sind die Erinnerungen eines Grenzlandes enthalten, das zweimal in diesem Jahrhundert unter dem französischen Souverän gelebt hat und seitdem zwar seine Mittlerfunktion zwischen Deutschland und Frankreich betont (natürlich auch, um im Konzert der größeren Bundesländer ein kleines, jedoch hörbares Instrument zu spielen), aber seine Identitätsprobleme hauptsächlich in einem vertrauensvollen Glauben an die Obrigkeit löst. Man ist konservativ und katholisch (drei Viertel der Bevölkerung), auch und gerade in der Montanindustrie, dem wirtschaftlichen Motor und zugleich Sorgenkind.

Auf solchem Boden gedeihen Landesväter, Patriarchen wie der in der vorigen Woche verstorbene Ministerpräsident Franz Josef Röder, der nicht nur mit Worten verkündet hat: „Mein großes Vorbild ist Konrad Adenauer.“ Und wie der Alte aus Rhöndorf hat der Alte von der Saar die Macht geliebt und die Kronprinzen geduckt. Röder starb wenige Wochen vor seinem 70. Geburtstag, nach zwanzig Amtsjahren, doch eine weitere Regierungszeit hatte er sich noch zugetraut; er wäre gern geblieben; er wartete darauf, von seiner Partei noch einmal gerufen zu werden. Aber seine CDU verweigerte sich, und dies „hat ihm das Herz gebrochen“, wie enge Bekannte Röders sagen.

Ganz so dramatisch war es nicht. Wie Adenauer seinen Erhard, so hatte Röder seinen in der Partei beliebten Kronprinzen unter Druck gesetzt, bis der resignierte. Der nächste Kronprinz, Werner Zeyer, war nicht, bereit, dieses Spiel mitzumachen und in dem Gänseblümchen-Spiel des „Ich trete zurück – ja – nein – bald – später“ verschlissen zu werden. Die jahrelang „souverän mißachtete Partei“ (so mokiert sich ein SPD-Funktionär) gab dem Landesvorsitzenden Zeyer Rückendeckung, Nägel mit Köpfen zu schmieden und den Rückzug des Alten nun festzuklopfen, ohne Wenns und Abers. Röder starb, wenige Stunden nachdem er sich auf den Spätherbst festgelegt hatte.

Der Nachfolger stand fest: Werner Zeyer, Jahrgang 1929, Jurist, ein Dutzend Jahre Landrat in St. Wendel, Bundestagsabgeordneter, zwei Jahre auch Abgeordneter im Europaparlament, erprobt in der Parteiarbeit – die Röder zu lange vernachlässigt hatte – und der einzige Mann, dem die CDU zutraut, sie aus der schleichenden Misere herauszuführen. Alle 25 Abgeordneten der Union gelobten Stimmtreue, und auch die FDP war sich einig, daß ihre drei Vertreter am Donnerstag den Koalitionsvertrag erfüllen und Zeyer wählen müssen. Die SPD – mit 22 Genossen im Landtag vertreten – verzichtete darauf, einen eigenen Kandidaten zu präsentieren. Ihr Spitzenmann für die Landtagswahlen im Frühjahr 1980, der Saarbrücker Oberbürgermeister Oskar Lafontaine, fuhr demonstrativ in Urlaub. Die SPD wartet ab.

Sie kann es sich leisten. Denn allmählich, zaghaft, bläst der Wind auch an der Saar nach links. Bei den letzten Landtagswahlen ergab sich schon ein Patt: 25 CDU, 25 Sozial-Liberale (die Mandatszahl ist aus diesem Grund für 1980 auf 51 heraufgesetzt worden), und bei den Kommunalwahlen im Juni büßte die Union über vier Prozentpunkte ein. Zwei Jahre nach der Pattwahl ging die FDP eine Koalition mit der CDU ein und rettete ihr die Regierungsverantwortung. Im Augenblick spricht wenig dafür, daß die Union im kommenden Jahr wesentlich besser abschneiden wird, geschweige denn die absolute Mehrheit erobert. Das Ergebnis halten, die sachte Talfahrt zu bremsen, wäre ein großer Erfolg für Werner Zeyer, der damit auch aus dem Schatten seines Vorgängers heraustreten könnte.