Für die Amerikaner zählt der Benzinmangel mehr als Salt II

Von Ulrich Schiller

Washington, im Juli

Tummel dich im eigenen Garten“, gaben die Zeitungen als Devise für den 4. Juli, Amerikas Unabhängigkeitstag, aus. Was früher diensthabenden Ärzten und Apothekern vorbehalten blieb – die Nennung von Namen und Anschriften im Lokalteil –, das wurde diesmal auch dem halben Dutzend Tankstellen zuteil, die in der Millionenstadt Washington am Feiertag geöffnet sind.

Die meisten Autofahrer in den Ballungszentren der Ostküste können sich keines 4. Julis erinnern, an dem ihre Mobilität dermaßen gebremst wurde. Weiter ins Land hinaus, nach Westen hin, ist die Benzinversorgung leidlich normal, bei stetig kletternden Preisen, versteht sich. Doch auch dort schlägt die neue Verordnung durch, nach der in allen öffentlichen Gebäuden, in den Büros genauso wie in Restaurants und Theatern, die Temperatur im Sommer nicht unter 26 Grad und im Winter nicht über 19 Grad gedrückt werden darf. 10 000 Dollar Strafe drohen demjenigen, der dagegen verstößt.

Besinnung auf eigene Kraft?

Unabhängigkeitstag? „Der Name allein scheint uns zu verhöhnen“, schreibt David Broder in der Washington Post. „Was wir erleben, ist nicht unsere Unabhängigkeit, sondern die wachsende Abhängigkeit von fernen, fremden Mächten, von denen wir unser Schicksal vor 203 Jahren getrennt zu haben glaubten.“ Die Amerikaner peinigt der Zorn, daß die Vereinigten Staaten scheinbar ohnmächtig dem Preis- und Versorgungsdiktat der Opec zusehen müssen. Kann man denn wirklich nicht zurückschlagen? Nicht militärisch natürlich. Aber vielleicht wirtschaftlich? Sollen die USA einen hohen Weizenexportpreis, ein Technologieembargo gegen Opec-Länder verhängen? Es würde letztlich doch alles nur gegen die eigenen Interessen zurückschlagen.