Der Kongreßabgeordnete Stockman über die Folgen einer Benzin-Rationierung in den USA

Je knapper das Benzin in den Vereinigten Staaten wird und je länger die Schlangen an den Tankstellen, um so lauter wird die Forderung nach einer Benzinrationierung. Viele Amerikaner würden eine Zuteilung per Bezugsschein dem stundenlangen Warten an Tankstellen oder fühlbaren Preiserhöhungen vorziehen. Der republikanische Kongreßabgeordnete David Stockman schrieb seinen Kollegen einen Brief, in dem er ihnen ausmalt, welche Folgen die Einführung von Benzingutscheinen haben würde.

Carters Rationierungsplan würde die Verteilung des vorhandenen Benzins auf die verschiedenen Staaten der USA nicht ändern, dafür aber nach Ansicht Stockmans über Nacht einen „100-Milliarden-Dollar-Schwarzmarkt“ für Benzinmarken entstehen lassen.

Da die Coupons wegen der Diebstahlgefahr („kein Briefkasten wäre mehr sicher“) nicht direkt verschickt werden können, sollen von den Behörden zunächst nur Berechtigungsscheine zum Bezug von Benzingutscheinen für einen 90-Tage-Bedarf im Gegenwert von insgesamt 25 Milliarden Dollar verschickt werden. Die Autofahrer müßten sie bei den Banken gegen Coupons umtauschen. Statt zu den Tankstellen würden sie also erst einmal zu den Kreditinstituten eilen („vermutlich mit dem Auto“), um dort an den Schaltern Schlange zu stehen. Eine Bank schätzt, daß sich die Zahl ihrer Schalter verdoppeln müßte, um den Ansturm zu bewältigen.

Da nach der von Carter vorgeschlagenen Verordnung kein Liter Benzin den Besitzer wechseln darf, ohne daß gleichzeitig Bezugsmarken hergegeben werden, sammeln sich die Coupons bei den Tankstellen und den Fahrern der Tanklastzüge, die dann Bündel von Gutscheinen im Gegenwert von vielen tausend Dollar bei sich hätten. Ohne Waffe könnten sich die Fahrer der Tankwagen dann kaum noch auf die Straße wagen. Schön heute werden Kolonnen von Benzintankern durch Polizeifahrzeuge begleitet, um Überfälle zu verhindern.

Carters Plan sieht vor, daß jede Familie für bis zu drei angemeldete Autos Bezugsscheine bekommt. Um die Höchstmenge zu erhalten, würde daher bald eine lebhafte Nachfrage nach schrottreifen Autos einsetzen. Heute kostet eine solche Karre etwa hundert Dollar. Wer. sie zusätzlich zu den bereits vorhandenen ein oder zwei Autos anmeldet – natürlich ohne je damit zu fahren – erwirbt ein Anrecht auf Gutscheine, mit denen er für 600 Dollar Benzin kaufen kann. Die Schrotthändler sehen also dem Geschäft ihres Lebens entgegen.

Der Bedarf an Benzingutscheinen wird in ländlichen Gegenden viel höher sein als in Großstädten mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Fliegende Händler, die Benzinmarken in Regionen mit niedrigem Bedarf aufkaufen und an Fahrer verscherbeln, die große Strecken zurücklegen müssen, werden sich bald um die Organisation des schwarzen Marktes kümmern. Stockman sieht die Schwarzhändler bereits in den Bars und Imbißstuben herumlungern, um die Coupons in Orten mit niedrigem Benzinverbrauch aufzukaufen und sie dann vor allem in den ländlichen Gebieten mit einem hübschen Gewinn loszuschlagen. „Das wäre dann wenigstens ein windfall-profit für die Armen.“ mj