Von Christian Schmidt-Häuer

Wo schon Fürsten und Adelsdamen ihre Kolliers erstanden, im alten Moskauer Arbat-Viertel, drängten sich die Hamsterer. Die besser gestellten Sowjetbürger flüchteten wieder einmal ins Gold. All jenen, die laut Volksmund „für den schwarzen Tag“ Rücklagen schaffen, hatte eine Wolke düsterer Gerüchte seit Wochen angekündigt, daß der 1. Juli neue Trübsal bringen würde.

Die Vorzeichen trogen nicht – wie schon bei den letzten Preissteigerungen. Im Warenkorb, den das „Staatskomitee für Preise“ wieder ein Stück höher hängte, waren diesmal Autos und Bier, Möbel und Teppiche, Juwelen und Edelmetalle – mit Ausnahme von Zahngold. Auch Pelze sind im Zuge der Inflation um 50 Prozent teurer geworden – obwohl es die Sowjetbürger im kommenden Winter nicht wärmer haben werden. Die Prawda hat gerade zu einem „Feldzug für Energieeinsparung“ aufgerufen. Ein Millionenheer aus Partei, Gewerkschaft und Komsomol soll Fabriken und Wohnanlagen inspizieren, um den Strom- und Ölverbrauch zu drosseln. Und während die westlichen Regierungschefs auf ihrer Energie-Konferenz in Tokio die Kernenergie als unverzichtbare Obergangslösung proklamieren, kündigte der Moskauer Gipfel des östlichen Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) „riesige Ausgaben“ für ein geplantes Kernenergie-Potential von 150 000 Megawatt im Jahre 1990 an.

Auch Leonid Breschnjew kehrte also vom Wiener Salt-Gipfel in ein Imperium zurück, das von Energiekrise und Teilinflation betroffen ist. Anders als Präsident Carter aber fuhr der erschöpfte Kremlchef alsbald zur Erholung und schickt nun fast täglich Urlaubsgrüße nach Moskau: an erfolgreiche Kollektive, an prominente Durchreisende wie Thatcher und Schmidt, an den RGW-Gipfel. Wie auf den letzten Parteitagen – wo der große Auftritt für Breschnjew reserviert war, und Regierungschef Kossygin jeweils am Ende über die ökonomische Lage referierte –, so wurde auch die 33. Comecon-Tagung unmittelbar nach dem Salt-Gipfel zum kleinen Ersatzforum für den 75jährigen Ministerpräsidenten.

Mit Kossygin, Suslow und Kirilenko an der Spitze unterstrich die Sowjetführung nach außen hin die schon gewohnte Geschlossenheit, die auch von den jüngsten amerikanischen Spekulationen über Diadochenkämpfe nicht überzeugend widerlegt worden ist. Der geheimnisvolle Aufsteiger Konstantin Tschernenko, den der Kreis um den amerikanischen Präsidentenberater Brzezinski direkt vor Wien zum neuen Kronprinzen aufwertete, zeigte beim RGW-Gipfel, wo er ohne Breschnjew steht: am äußersten Rand des inneren Führungskreises. Schon Tschernenkos buchstäblich nichtssagender Auftritt in Wien – die eindrucksvollen Wortführer dort waren Außenminister Gromyko und Verteidigungsminister Ustinow – hatte bestätigt, daß das Ende der Ära Breschnjew bisher von keinen sichtbaren Verschiebungen in der Hierarchie begleitet wird.

Amerikanischer Verdacht