Reibungslose Wachablösung bei dem größten deutschen Elektrokonzern

Eine Entscheidung, die hinter den Kulissen seit langem beredet wurde, ist nun gefallen – erfreulich früh. Der Aufsichtsrat der Siemens AG kürte in seiner Sommersitzung in Wien den Mann, der das Weltunternehmen als Vorstandsvorsitzender durch die achtziger Jahre führen soll: Es ist der 51jährige Karlheinz Kaske, gebürtiger Essener, seit 29 Jahren in Diensten des Elektrokonzerns.

Zunächst wird Kaske, seit 1977 Leiter des mit 23 Prozent Anteil umsatzstärksten Unternehmensbereichs Energietechnik und erst im vergangenen Jahr zum ordentlichen Vorstandsmitglied ernannt, stellvertretender Vorsitzender des Vorstands – mit Wirkung vom 1. Januar nächsten Jahres. Damit steht fest, daß er im Frühjahr 1981, wenn der bisherige „General“, Bernhard Plettner, 66jährig in den Aufsichtsrat wechselt und dort den Vorsitz übernimmt, auf die Spitzenposition im Management vorrücken wird.

Für Außenstehende ist Kaske, der fern der Münchener Zentrale in Erlangen residiert, weithin unbekannt. Aber für Insider gilt der gebürtige Essener seit Monaten als erster Anwärter auf die Plettner-Nachfolge. Plettner selbst hatte vor einem Jahr in Berlin ganz beiläufig zwischen Suppe und Hauptgericht einigen Journalisten schon die Spur gewiesen: „Mein Nachfolger wird ein Techniker sein, weil dies für solch einen großen Elektrokonzern sehr wichtig ist. Also kann es gar nicht mein Bruder werden.“

Damit nahm Plettner erstmals zu Spekulationen Stellung, die im Frühjahr 1978 die Runde gemacht und in mancherlei Schlagzeilen ihren Niederschlag gefunden hatten. Damals wurde der jüngere Bruder des Siemens-Vorstandsvorsitzenden, der als Sanierer der Glühlampen-Tochter Osram bewährte Helmut Plettner, gleichzeitig zum Chef der Bosch-Siemens Hausgeräte GmbH bestellt. Er rückte damit fast automatisch in die Reihe der Spitzenmänner des Konzerns vor. Die Schlagzeilen brachten Unruhe in die Chefetage und paßten auch manchen einflußreichen Siemens-Aufsichtsräten nicht ins Konzept. Einige ließen danach im Gespräch durchblicken, daß es mit einer „Dynastie Plettner“ wohl nichts werden würde.

Mag sein, daß die Spekulationen voreilig waren, mag sein, daß erst die Reaktion auf die Kombinationen der Gazetten den „großen Plettner“ von solchen Plänen mit seinem Bruder abgebracht haben. Mit dem Stichwort „Techniker“ wurde bald klar, daß Kaske die größten Chancen hatte, künftig dem fünftgrößten Elektrounternehmen der Welt und größtem privaten Arbeitgeber in der Bundesrepublik vorzustehen.

Kenner des Kronprinzen verweisen darauf, daß der diplomierte Physiker und promovierte Ingenieur in vielem dem gut 13 Jahre älteren Plettner ähnlich ist, eine „gute Mischung aus Stabsmann und Troopier“. Plettner selbst hatte vor Jahren in einem Interview eingeräumt, daß etwas Wahres daran sei, wenn man ihn mit einem „Troopier“ verglichen habe („Weil ich versuche, das Unternehmen nicht nur aus dem Elfenbeinturm der Zentrale von ganz oben zu beeinflussen“). Plettner trat mit 25 bei Siemens ein (bei der damaligen Siemens-Schuckertwerke AG in Berlin), Kaske bereits mit 22 (beim Wernerwerk für Meßtechnik der Siemens & Halske AG in Karlsruhe).