Veit Valentin heute zu lesen oder wieder zu lesen, heißt unverbrauchter Geschichtsschreibung zu begegnen. Sein Lebensgang bietet noch mehr: Geschichte persönlich, nicht aus zweiter Hand, sondern aus erster. In seinem unglücklichen Geschick wird die Epoche, soweit es den vorherrschenden Geist an den Universitäten betrifft, wie von einem Blitzlicht erhellt.

Valentin (1885–1947), aus großbürgerlichem Frankfurter Elternhaus, hatte sich früh habilitiert, geriet aber schon dreißigjährig in böse akademische Turbulenzen, weil er die annexionistische deutsche Kriegszielpolitik heftig attackierte. Sein großer Freiburger Kollege Georg von Below, damals Prorektor und Nationalist, der noch 1918 fröhlich verkündete, „ein guter kriegerischer Geist lebt gewiß in weiten Kreisen unserer Hochschullehrerschaft“, setzte in der Fakultät einen Kollektivtadel gegen das unbotmäßige junge Zunftmitglied durch: Valentin beweise „totalen Mangel an korporativer Gesinnung“.

Als der Privatdozent, der selbstbewußt war, auch schroff und polemisch reagierte, obendrein gegen den uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu Felde zog, war das Maß voll. Es kam zu einem Kesseltreiben, dem er sich dann doch nicht gewachsen zeigte. Unter dem Druck der Fakultät gab er seine Venia Legendi zurück.

Selbstverständlich wurde doch der Antichauvinist nach dem Regimewechsel wieder in seine Rechte eingesetzt? Weit gefehlt. Veit Valentin, der zur Minderheit der Vernünftigen und Maßvollen gehört hatte und von den Tatsachen bestätigt worden war, blieb verfemt. In der ganzen Weimarer Republik fand sich keine Universität, ihm seine Lehrberechtigung zurückzugeben, nicht einmal nach Veröffentlichung seiner zweibändigen Revolutionsgeschichte von 1848/49, die Hans-Ulrich Wehler als nach wie vor unüberholt bezeichnet. Nur an der Berliner Handelshochschule und Hochschule für Politik konnte der linksliberale Ausgestoßene lehren; nebenbei hatte er eine Forschungsstelle am Reichsarchiv in Potsdam.

Daß der abermalige Epochenumbruch, der von 1933, solchem Mann noch mehr schaden mußte, liegt auf der Hand. Das Außergewöhnliche ist nur, daß er ein Opfer gleich dreier politischer Systeme geworden ist. Das Universitäts-Establishment stand eben unverdrossen rechts, zum Teil weit rechts, die ganze Republik hindurch.

Anlaß, erneut von dem bedeutenden Kenner des 19. Jahrhunderts zu sprechen, ist eine Zusammenfassung von Aufsätzen unter der jetzigen Titelsynthese:

Veit Valentin: „Von Bismarck zur Weimarer Republik. Sieben Beiträge zur deutschen Politik“; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1979; 164 S., 36,– DM.