Manche machen Kinderbücher. Andere machen Bücher für Kinder. Manche machen Bücher für irgendwelche Kinder. Andere machen Bücher für eigene Kinder. Es gibt schöne Kinderbücher. Es gibt sehr schöne Bücher für Kinder. Es gibt wunderschöne Bücher für eigene Kinder. Man kann über den Struwwelpeter streiten. Kein Zweifel aber kann darüber herrschen, daß der unverwelkbare Zauber dieses Buches darauf zurückzuführen ist, daß der Doktor Hoffmann hier, vom Fliegenbeinausreißen bis zum Daumennuckeln, auf seine eigenen Kinder gezielt hat.

Denn wo muß ich kenntnisreicher, wo pragmatischer, wo glaubwürdiger sein als vor dem eigenen Kind? Die Authentizität im Privaten aber wird immer ihre Entsprechung im Exemplarischen haben. Denn Stimmigkeit hier wird jetzt zu Prägnanz und Nachprüfbarkeit dort. Und wenn Kinder Kinder verstehen (und das ist so), dann verstehen alle Kinder auch alle Eltern, die ihren eigenen Kindern Geschichten erzählen. Quintessenz: Meine Vorliebe gilt jenen Büchern für Kinder, die ursprünglich gar nicht als Buch geplant gewesen sind. Geschichten für Tutti, damit sie aufhört, Popel zu essen. Märchen für Heini, damit er sich endlich mal in den düsteren Keller hinabtraut. Zweckgeschichten. Phantasiewegweiser. Erfahrungsberichte. Wurzelausbuddeleien. Einübungsstorys in Logik, Kausalität, Gerechtigkeit und Zusammenleben.

Da aber all diese Geschichten ja erstmal erzählt worden sein müssen, kommt noch das unschätzbare Plus hinzu, daß die Kinder sie nicht nur schon auf ihre Brauchbarkeit hin getestet, sondern auch an ihnen mitgearbeitet haben. Besser, fachkundiger also kann man auf diesem Gebiet nicht bedient werden; auch nicht von unseren zerquälten Kinder-und-Jugendbuch-Gremien. Zum Beispiel sind da jetzt Falladas 1938 herausgekommene Geschichten aus der Murkelei neu erschienen.

Geschichten von einer Lebensfrische und herzlich zupackenden Direktheit, als hätte man sie selber noch eben beim Frühstück gehört. Geschichten zum Anfassen und Hinstellen, in einer handfesten Henkelgriff-Sprache erzählt. Man sieht Falladas Kinder dahinter, denen er diese Geschichten wieder und wieder erzählt. Bis die Kinder die dauernden Neufassungen satt haben und auf Aufschreiben bestehen.

Aber immer noch sieht man jetzt Vaters Brille funkeln im Text. Immer noch ist sein wohl dosiertes Räuspern zu hören, wenn ein Spannungsbogen neu ansetzt oder die wohlverpackte Moral hält doch wieder irgendwie durchscheint. Aber es ist eine Moral, mit der man was anfangen kann. Eine Mörtelmoral; sie hält nicht nur diese Geschichten, sie hält auch Bausteine zusammen. Überall schimmert hier Falladas Landsitz Carwitz bei Feldberg durch die hell gehaltenen Zeilen. Ständig greift dieser gewiefte Erzähler, Welt im Auge, auf die Topographie der mecklenburgischen Landschaft zurück. Und schon stürzt, so ganz nebenbei, Ikarus in den Tümpel gleich hinterm Haus und schiebt sich zugleich auch das Zauberhuhn, die sprechende Ratte, der hilfreiche Igel nach vorn.

„Wenn man etwas nur wirklich glaubt, so ist es auch da.“ So einen Satz kann dieser Vater seinen Kindern zumuten. Denn den Beleg für ihn hat er listig auf all diese Geschichten verteilt. Es sind Land-und-Leute- und Feld-und-Wald-Geschichten. Man muß Atem haben und Zeit, wenn man sie vorlesen will. Keine von ihnen hat jene diktatorische Fünf-Minuten-„Länge“, wie die sogenannte „Gute-Nacht-Geschichte“ sie kennt, die die gähnenden Eltern vorm abendlichen Fernseher so bitter als Alibi brauchen. Die Geschichten, die Fallada seinen Kindern erzählt, sind „Guten-Tag-Geschichten“. Hier wird nichts ins Traumland katapultiert. Hier wird ins Leben gestartet. Zugreifen, bitte.

Hans Fallada: „Geschichten aus der Murkelei“, Illustrationen von Jürg Furrer; Verlag Huber, Frauenfeld; 279 S., 22,80 DM.