Ein comeback kann man es nicht direkt nennen. Rainer Offergeld, seit Februar 1978 Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, war auf der Bildfläche noch gar nicht richtig präsent und schien schon wieder in der Versenkung zu verschwinden. Unter den jungen Ministern schien er dem Kanzler noch mehr als andere ergeben; von den objektiv schlechten Chancen, in diesem Ministerium Profil zu gewinnen, mal abgesehen. Jetzt macht sich Offergeld, im Rahmen des Möglichen, doch einen eigenen Namen. Das hängt nicht zuletzt mit einem Stückchen Emanzipation vom Kanzler zusammen. Im Nord-Süd-Dialog neigte Schmidt während eines kurzen Zwischenhochs zu mehr Entgegenkommen. Verärgert über Schmidts neuerlichen Rückfall in die gewohnte Reserve gegenüber der Dritte-Welt-Politik hatte sich Offergeld kürzlich überlegt, sich auf die allzu knappe Erhöhung des neuen Etats für sein Haus nicht einzulassen. Statt 12,8 wollte er 18 Prozent, ursprünglich 20. Anders, so Offergeld, komme Bonn dem Ziel nie näher, das die Vereinten Nationen „mit unserer Hilfe aufgestellt haben“, wenigstens 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe auszugeben.

Genaugenommen hat Offergeid den Entschluß, sich gegen den Kanzler zu sperren, offensichtlich während einer Kontroverse im SPD-Parteivorstand gefaßt. Dieser Dialog lief nach einem geradezu schon klassischen Muster ab. Wolf gang Roth legte einen mittelfristigen Finanzierungsplan vor, der eine Verdoppelung der Entwicklungshilfe bis 1983 und das Erreichen des 0,7-Prozent-Ziels für 1988/89 vorsieht. Der Kanzler plädierte für Steigerungsquoten, die etwa im Jahr 2000 in diese Höhe führen würden. Im übrigen sei doch die Unctad-Konferenz in Manila gut gelaufen, trotz der Bonner Haltung. Als auch das dem Kontrahenten als Argument nicht ausreichte, wandte sich der Kanzler an seinen treuen Ekkehart, den Arbeitsminister Ehrenberg: „Herbert, wie ist es denn, wird die Rentenreform nicht zu teuer?“ Ehrenberg düster: Teuer genug, um keine großen Sprünge in der Entwicklungspolitik zu gestatten. Finanzminister Matthöfer sekundierte, wie es auch schon zum Ritual gehörte: Erstens müsse man sparen, zweitens herrsche in den meisten Empfängerländern ohnehin Korruption, das Geld erhielten die Falschen. Schließlich der Ökonom Schmidt zu Roth: „Du hast zwar Ökonomie gelernt, aber alles wieder vergessen.“ Egon Bahr unterstützte Roth. Willy Brandt kündigte eine Stellungnahme für den Dezember an. Herbert Wehner verbat sich, daß die Partei der Fraktion hineinredet. Schließlich bilanzierte Heinz Junker, an Schmidt gewandt: Er habe von der Partei den Auftrag, über Zukunftsperspektiven zu reden, aber bei Schmidts Haltung lehne er „jede solche Diskussion ab“.

Inzwischen steuert alles einem Kompromiß zu, auch das nach geradezu klassischem Bonner Muster: Addiert man die geplante Finanzhilfe für zwei Länder, die Türkei und für Ägypten, zum BMZ-Etat hinzu, kommt man auf fast 18 Prozent. Voilà!

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Der Tonfall klingt schon alltäglich, fast ertappt man sich dabei, ihn für ganz normal in diesem Bonn, Sommer 1979, zu halten: Schon die Schlagzeile, schreibt der CSU-Abgeordnete Höpfinger als Antwort auf einen Leitartikel in der Welt der Arbeit („Nicht eine einzige Stimme für Strauß“), „stellt einen unverschämten Pressionsversuch auf die CDU/CSU und einen schwerwiegenden Bruch der Pflicht zu parteipolitischer Neutralität dar“.

Hans Graf Huyn (CSU) warnt, wenn es die Regierung als Reaktion auf die SED-Entscheidung, die Ostberliner ihre Abgeordneten direkt wählen zu lassen, „wieder bei wenig glaubwürdigen verbalen Protesten beläßt und sich vor den kommunistischen Staaten Osteuropas sowie der – Weltöffentlichkeit lächerlich macht, wird man Motivforschung für dieses kaum mehr vertretbare Verhalten anstellen müssen“.

Paul Röhner (CSU) urteilt, die Bemerkung Schmidts, vor Ratifizierung des Salt-II-Abkommens sei mit Fortschritten bei den Truppenreduzierungsverhandlungen kaum zu rechnen, „muß als nahezu völlige Vertretung sowjetischer Interessen verstanden werden“,