Von Helmar Heger

Im täglichen Stau auf der Autobahn Stuttgart München vergeht die Lust auf Abstecher, froh ist, wer hinter dem Stuttgarter Flughafen die Abfahrt Esslingen zügig passieren kann. Bahnreisende in Fernzügen besitzen ohnehin kaum mehr als eine winzige Chance, im Vorbeigleiten einen kurzen Blick auf die pittoreske Stadtsilhouette zu erhaschen – Schnellzüge halten in der überwiegenden Zahl der Fälle nur im 14 Kilometer entfernten Stuttgart, selten in Esslingen. Auch dies ist ein Grund, wenn auch ein kleiner, daß bei Esslingern das Gefühl der Inferiorität gegenüber der baden-württembergischen Landeshauptstadt wachbleibt: Trotz der 94 000 Einwohner, ’s ist halt Provinz.

Sich dem Sog der Schwabenmetropole zu entziehen, Eigenständigkeit und unverwechselbaren Charakter zu bewahren, fällt der ehemals freien Reichsstadt besonders schwer. Kein breiter Kranz von Vororten puffert die Stuttgarter Einflußsphäre von der Esslinger Kernstadt ab, die Stadtgrenze verläuft ohne sichtbaren Einschnitt in den talseitigen Häuserzeilen, nahezu ununterbrochen erstreckt sich die Bebauung bis zum Neckarknie nach Plochingen. Und doch ist Esslingen kein Vorort von Stuttgart, selbst wenn die Esslinger im Ausland zähneknirschend auf Stuttgart als geographische Position verweisen, um den Standort der Heimatstadt angeben zu können.

Und der ganze Ärger nur deswegen, weil die Esslinger Altvorderen irgendwann einmal aufs falsche Pferd gesetzt haben: Statt sich als mächtigste der „Städte unter der Alb“ aufzuführen und ständig gegen die ehrgeizigen Wirtemberger Grafen zu Scharmützeln, hätten die eigensinnigen Reichsstädter besser die weiche Tour geritten. Der Kaiser war schließlich weit, aber die Wirtemberger allgegenwärtig. Wenig hat’s genützt, daß die Esslinger Eberhard den Erlauchten im großen Städtekrieg aufs Haupt geschlagen und danach von sämtlichen württembergischen Städten – voran Stuttgart – den Untertaneneid gefordert haben. Das mag heute noch im Geschichtsunterricht interessieren, Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel indes kümmert’s nimmer.

Ohne Federlesen hat der Stuttgarter Rathauschef die Sperrung mehrerer Verbindungsstraßen zwischen den Vororten verfügt – die Nachbarn mußten’s zähneknirschend dulden. Dafür hätten sie früher den Stuttgartern die Obstbäume und Rebstöcke abgehackt – oder die Köpfe. Heute sind die Bürgermeister im Stuttgarter Umland schon froh, wenn die Schubladen mit Stuttgarter Eingemeindungsplänen geschlossen bleiben.

Nach der Gemeindereform 1974 ist es ein wenig ruhiger geworden um dieses Thema, haben sich die Kommunalpolitiker im mittleren Neckarraum anderen, aktuellen Problemen zugewandt. In Esslingen gehört dazu die Stadtsanierung. Mehr als 1200 Jahre verbriefte Stadtgeschichte haben ein Erbe hinterlassen, das gebieterisch nach Erhaltung verlangt. Da drängen sich auf kleinstem Raum zwischen Burgberg und Neckarkanälen ungezählte Fachwerkhäuser, stattliche Klosterpfleghöfe, meterdicke Befestigungsmauern, buckelquadrige Wehrtürme, barocke Stadtpalais, spätgotische Kirchen, romanische Münster und nicht zuletzt ein altes Rathaus mit einer Schickhardtschen Renaissancefassade, die ihresgleichen sucht im weiten Umkreis.

Eine bauliche Idylle, die Millionen verschlingt, weil das Wohnen in der Innenstadt wieder attraktiv gemacht werden soll. Revitalisierung nennen’s die Esslinger Stadtväter, Belebung der Innenstadt, eine dringend notwendige Maßnahme gegen das endgültige Ausbluten des Zentrums, das in den Nachkriegsjahren viele Bewohner verlassen haben. Der Häuslesbrei ist aus dem Neckartal bis an den Schurwaldrand und die östlichen Fildern hochgequollen: In Deutschlands schaffigster Region wird gut verdient, an ihren Eigenheimen erkennt es seine Schwaben.