Von Barbara Harti

Paris

Die „Lust, auf Negerjagd zu gehen“, überkam sie an einem lauen Abend im Mai: Fremdenlegionäre, die in Orange stationiert waren, pöbelten zunächst ein paar Senegalesen an, die Elfenbeinschnitzereien feilboten. Sie folgten ihren Opfern schließlich in eine arabische Kneipe, wo sie sie weiter provozierten, und beendeten die Hatz mit einer „Müllverbrennung“ im Treppenhaus der Pension „LeNiçois“, in die sich die Schwarzafrikaner zurückgezogen hatten. Das Feuer griff schnell um sich, zwei der Senegalesen verbrannten in ihren Zimmern, zwei weitere erlitten schwere Verletzungen beim Sprung aus dem Fenster.

Das Verbrechen von Orange ist ein Einzelfall, aber kleinere Vorkommnisse mit rassistischem Unterton werden fast täglich von der französischen Presse gemeldet. So wurden an einem einzigen Juniwochenende auf den belebten Straßen von Nizza am hellen Tag dreimal Algerier angegriffen. Zwei wurden von einem Auto verfolgt und über den Haufen gefahren, einer mit einem Messer niedergestochen und ein anderer zusammengeschlagen, nachdem sich der Täter vorher vergewissert hatte, ob sein Opfer auch wirklich aus Nordafrika stamme.

Diese Vorfälle heizen die Diskussion über zwei Gesetzentwürfe an, die ins Kreuzfeuer der Kritik geraten sind. Nach den Vorstellungen der französischen Regierung sollen in den nächsten fünf Jahren eine Million Ausländer in ihre Heimat zurückgeschickt werden, um den Arbeitsmarkt zu entlasten.

1,7 Millionen eingewanderte Arbeiter leben zur Zeit mit ihren 2,3 Millionen Familienangehörigen in Frankreich. Die Hälfte kommt aus den Ländern der Europäischen Gemeinschaft und ihren Anwärterstaaten Spanien und Portugal. Sie sind von den geplanten Maßnahmen vorerst ebenso ausgeschlossen wie 830 000 Algerier und 80 000 Schwarzafrikaner aus frankophonen Ländern südlich der Sahara. Mit den Regierungen dieser Staaten hat Paris Sonderregelungen getroffen, die es allerdings auf der Basis des neuen Gesetzes ändern will. Unmittelbar Betroffene der neuen Politik sind zunächst über eine halbe Million Tunesier und Marokkaner sowie 160 000 Jugoslawen und Türken.

Da sich die Maßnahmen hauptsächlich gegen Nordafrikaner richten sollen, sehen Gegner des Entwurfs bereits „die finstersten Zeiten des Algerienkrieges“ am Horizont heraufziehen. Die 180 Hilfsorganisationen für eingewanderte Arbeiter befürchten, daß willkürlich Ausweisungen zunehmen werden. Bleibt es bei dem jetzigen Gesetzestext, wird jedem Departement eine „Ausländerquote“ zugeteilt, und es bleibt dem Belieben des jeweiligen Präfekten überlassen, wessen Aufenthaltsgenehmigung er verlängert und wen er nach Hause schickt.