Die Rede des neuen Bundespräsidenten Carstens verrät mehr als sprachliche Hilflosigkeit – Sprach- und Denkmodelle einer alt gewordenen Politik

Fräulein Emilie Pachulke hat unserem Haushalt treu und redlich gedient, war stets aufrichtig und den anderen Hausgehilfinnen offen und liebenswürdig zugewandt“ – ein Zeugnis diesen Tons hielte man entweder für eine Regieanweisung von Gerhart Hauptmann oder für eine Parodie. Es ist aber das Vokabular, in dem der neue Bundespräsident Karl Carstens, sich zierlich von Platitüde zu Platitüde schwingend, seinen vier Amtsvorgängern Zensuren erteilt.

Diese Rede war ein Debakel, gemessen zumal an der Abschiedsrede von Walter Scheel.

Die letzte Ansprache des scheidenden Bundespräsidenten ist nobel und meisterlich; sie hat keinen jener „Kavalierstöne“, die man bei Scheel manchmal nicht mochte, sondern zeigt Betroffenheit, Mut und eigenes Denken. Immerhin geht Scheel so weit, der allgemeinen Unruhe über „Datentechnik und Privatsphäre“ öffentlich Stimme zu geben Sätze wie den von den Menschen, die aus Angst vor der Zukunft sich nach der Gegenwart sehnen, hat ihm gewiß keiner ins Konzept hineinbeamtet; und seine ungewöhnlich ausführlichen Überlegungen zur gegenwärtigen Literatur und Kunst, die empfindliche Störungen und Verletzungen vorführt, von unserer Gesellschaft dem einzelnen zugefügt – da hat schon einer nachgedacht.

Der andere aber? Wenn Sprache Denken ist, dann offenbart die Sprachstruktur der Jungfernrede von Karl Carstens: Nicht die eiserne, sondern die hölzerne Jungfrau ist seine Stilfigur. Ein Spiel mit Fertigbau-Elementen, aber diese Legoklötchen fügen sich stets nur zu einem Bilde: dem Nierentisch. Der sprachliche Gestus des Bundespräsidenten verrät nämlich ein Herrschaftsdenken der 50er Jahre: Ob Deutschlands „landsmannschaftliche Vielfalt“ unsere Nachbarn „neidisch“ macht (o perfides Albion), ob jemand „grundlegende Aussagen“ gemacht hat oder ein anderer „uns bleibend vor Augen steht“ – sprachlicher Sperrmüll. Eine genaue Analyse würde beweisen: Ein Oben-Unten-Mechanismus, ein Verabfolge-Ritual liegt dieser Sprachhaltung zugrunde; der da spricht, ist zutiefst ungerührt, ohne Emotion, gar Zögern oder Mitleid. Die von unserer Gesellschaft Ausgespienen sind „vom Schicksal benachteiligte Gruppen“, und die ihnen helfen sollen, sind „die verantwortlichen Kräfte eines freiheitlichen und demokratischen Gemeinwesens“. Prompt ist auch das ausgerufene Bildungsideal haargenau das, dem Wissenschaftler seit Jahren alternative Angebote entgegensetzen. Prof. Carstens möchte eine Geschichte „der großen Namen“ – also jene Kreuzworträtselkenntnisse, mit denen man bei „Dalli Dalli“ so verblüffen kann: Wer befehligte den rechten Flügel bei der Schlacht von Leuthen? Begreifen von Geschichte, unserer jüngsten Geschichte, entsteht so gewiß nicht.

Wer da spricht, hat das Wort- und Denkmaterial sämtlicher deutscher Obrigkeiten im Kopf – vom Soldatenkönig über Graf Bernstorff („Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“) bis zu Erich Honecker. Die vielen „aufgezeigt“ und „unabweisbar“, die „obersten Organe“ und die „Verwirklichung der Prinzipien der Menschenwürde“ belegen es. Die ganze Haltung belegt es: Wir hier oben, ihr da unten.

Deutsche Knobelbecher, manchmal ja auch aus Juchten, können natürlich auch seufzen. Das klingt dann so: „Zum Schluß grüße ich Berlin, diese tapfere und lebendige Stadt, für die unser Herz schlägt.“ Aber für derlei haben wir doch unsere Sappho der U-Musik, die von allen geliebte Hildegard Knef.

„Vorwärts, wir gehen zurück“ – ist das nun die Parole, mit der wir in die achtziger Jahre aufbrechen? Fünf mal 365 Tage der Präsidentschaft Carstens liegen vor uns. Muß man Präsidentenreden in Zukunft nicht mehr hören? Ein neuer Ghostwriter könnte helfen. Besser noch: ein neuer Geist. Fritz J. Raddatz