Von Benjamin Henrichs

Vermutlich ist Herr Bernhard ein Nazi. Jedenfalls schätzt er es nicht, wenn man am Mittagstisch, statt die gute warme Nudelsuppe zu genießen, von der Vergangenheit redet. Da aber insgesamt 98 Bernhards, vom Patriarchen bis zum Ururenkel, um den kleinen Eßtisch („Eiche natur“)herumsitzen, ist der Familienfriede nicht zu retten. „Die Deutschen sind alle Nazis“, ruft der älteste Enkel, und dann kann auch Frau Bernhards verzweifelte Bitte „Hört auf mit der Politik. Eßt die Suppe“ das Unheil nicht mehr aufhalten. Die Familie sieht, daß der Vater wieder einmal „die Nazihose, die deutsche Vaternazihose“ an hat, der Vater schimpft, weil man ihm statt der Nudelsuppe wieder einmal die Nazisuppe vorsetzt, die Mutter sagt auch was, dann wird sie von der Großfamilie gemeinschaftlich erwürgt. Ende.

Herr Bernhard ist ein Geschöpf von Thomas Bernhard. Das Familien-, Schauer- und Nazistück, in dem er auftritt, heißt „Der deutsche Mittagstisch“, ist nur 2 1/2 Manuskriptseiten lang und entstand, wie der Dichter nicht ohne Stolz vermeldete, innerhalb von siebzehn Minuten, für eine Silvester-Anthologie der ZEIT. Uraufgeführt wurde es auch schon – in Stuttgart, wo sonst, bei einem Österreich-Abend im Kammertheater.

Wir wollen das kleine Stück nicht überschätzen, auch wenn es uns mit einem gewissen patenonkelhaften Stolz erfüllt – immerhin zeigte es ein neues, überraschendes Talent von Thomas Bernhard: seine Fähigkeit, auf eine politische Situation (Carstens’ drohende Wahl, die Verjährungsdebatte) rasch und skrupellos zu reagieren. Sollte ausgerechnet Bernhard, den seine konservativen Anbeter immer als edlen Einsamen gefeiert haben, als einen, der, wenn überhaupt, nur mit dem Sensenmann Zwiesprache hält, der einzig wirklich politische deutsche Dramatiker sein, reaktionsschnell, radikal, einseitig, ein virtuoser Grobian inmitten unserer stillen, tristen Ausgewogenheitskultur?

*

Thomas Bernhard ist, Peymann sei Dank, so etwas wie der Hausautor des Stuttgarter Theaters. geworden. Dieses Theater wurde, man muß das hier nicht noch einmal im Detail nacherzählen, Opfer einer politischen Provinzkabale. Der Ministerpräsident Filbinger fand den Schauspieldirektor Peymann (diesen „Sympathisanten des Terrors“), an einem Staatstheater untragbar – und sorgte für seinen Abgang. Schöne Ironie: Der Ministerpräsident mußte noch vor dem Schauspieldirektor in den Ruhestand gehen. Hatte man doch, angeführt von Rolf Hochhuth, herausgefunden, daß auch er einmal ein Sympathisant war, und nicht nur das; einer, der als Hitlers Marinerichter ganze, tödliche Arbeit geleistet hatte.

Es war klar, daß Stuttgarts Theater die verbleibende Zeit (und Freiheit) zu einem Racheakt nutzen würde. Und es schien auch klar, welcher Autor dabei mitmachen würde: Rolf Hochhuth, dessen Drama von den „Juristen“ eben die Filbingers, die NS-Richter, zum Thema hat. Doch es kam ganz anders: Während Hochhuth noch darum rang, den widrigen Stoff in die große dichterische Form zu zwingen, während er noch mit Jamben und anderen Versfüßen kämpfte, wie nur Hochhuth kämpfen kann, hatte Thomas Bernhard, dessen austro-homerische Beredsamkeit Sprachnöte nicht kennt, sein „Filbinger-Stück“ schon fertig: „Vor dem Ruhestand“. Uraufgeführt wurde es (Regie Claus Peymann) just zwei Tage vor des neuen Bundespräsidenten Amtsantritt. Und hatte man bei früheren Bernhard-Uraufführungen immer schon das schön gebunden Suhrkamp-Bändchen mit dem Stücktext in der Hand, so war diesmal das Gemunkele und das Geheimnis groß: Kein Unbefugter durfte das Stück vor der Premiere lesen. Als sollte auf Peymanns Bühne keine Theateraufführung, sondern eine Art Staatsstreich vorbereitet werden.