Ein militaristisches Kinderbuch aus der Zeit Wilhelms II, als „klassisches Kinderbuch von einst wiederentdeckt“? Tatsächlich: in der Taschenbuchreihe „Das besondere Kinderbuch“, deren „sorgfältige Auswahl“ (Umschlagtext) sich gleich mit den ersten Titeln als Blinde-Kuh-Spiel entpuppt hat, ist nun

„Wie die Tiere Soldaten werden wollten.“ Ein Bilderbuch von Fedor Flinzer, mit Versen von Georg Bötticher; Wilhelm Heyne Verlag, München; 48 S., 7,80 DM

neu aufgelegt und – wie bei solchen Reprints üblich – typographisch und im Format zurechtgestutzt worden. Doch bei der Durchsicht dieses tristen Produkts aus der Ära der Sedan-Feiern und Bismarck-Türme auch nur für einen Augenblick an „Jugendgefährdung“ zu denken, wäre verfehlt. Selbst wenn das Büchlein durch merkwürdige Umstände in die Hand eines Knaben von heute geraten sollte, so gewänne doch die Bundeswehr keinen einzigen Freiwilligen mehr. Im Gegenteil: selten ist die Trostlosigkeit des Militärs so plastisch in Bild und Vers vorgeführt worden. Was man darüber hinaus an der Fabel von der Aufrüstung der Tierwelt entdecken kann, ist, in Kürze, dreierlei. Wie mühelos das Ludwig-Richter-Idyll (der handwerklich versierte Flinzer war Richter-Schüler) am Ende des Jahrhunderts auf den Hund gekommen war; wie im rostalgischen Winkel das „Elend unserer Jugendliteratur“, das Heinrich Wolgast ein Jahr vor der Erstveröffentlichung der hier angezeigten Elendsschrift angeprangert hatte, fortwest; und wie es kam, daß Georg Böttichers Sohn mit Namen Hans ein so unordentliches Leben lebte. Er schrieb melancholisch-groteske Verse, auch hinterlistige Kinderbücher für Erwachsene, trank zuviel Alkohol und ist bekannt geworden unter dem Pseudonym Ringelnatz. Dietrich Leube