ZEIT: Wie reagiert der UN-Hochkommissar für Flüchtlingsfragen auf die jüngste Deportation und Zwangsvertreibung von rund 100 000 Indochina-Flüchtlingen aus Thailand und Malaysia?

Hartling: Noch nie zuvor in der Geschichte unserer Organisation war das humanitäre Grundprinzip der Nichtabweisung größeren Anfechtungen ausgesetzt. Selbst das Recht auf vorübergehendes Asyl wurde ja diesen Menschen verweigert. Trotz meiner wiederholten Aufrufe an die beiden Regierungen, daß wir bereit und in der Lage seien, auch noch diese Flüchtlinge in unsere UN-Lager aufzunehmen, für ihren Unterhalt zu sorgen sowie ihre Neuansiedlung zu organisieren. Unter den nach Kambodscha Zurückgeführten oder aufs Meer Zurückgetriebenen waren viele, die ohne weiteres mit ihren in verschiedenen Aufnahmeländern bereits ansässigen Familien hätten zusammengeführt werden können.

ZEIT: Wie können Sie weitere Vertreibungen verhindern?

Hartling: Es stehen mir nur drei Wege offen. Ich kann mit Überredungskraft versuchen, die betreffenden Regierungen von weiteren solchen Aktionen abzuhalten. Ich kann protestieren, falls sie sich dennoch nicht abhalten lassen. Und ich kann an die Hilfsbereitschaft der übrigen Staaten appellieren, damit die unmittelbar betroffenen, wiederholt belasteten Auffangländer entlastet werden. Aber ich verfüge über keine Divisionen, um meine Vorstellungen durchzusetzen.

ZEIT: Warum entschlossen sich Thailand und Malaysia zu diesen drakonischen Maßnahmen?

Hartling: Es wurde ihnen einfach zu viel. Dem seit März dieses Jahres lawinenartig anschwellenden Flüchtlingsstrom waren auch wir kaum mehr gewachsen. Es war uns gelungen, in den letzten zwölf Monaten für 125 000 Flüchtlinge, also für über 10 000 monatlich, eine permanente Bleibe zu finden, Das war eine Rekordleistung und kam einer Verdoppelung unserer früheren Kapazitäten gleich. Aber genügte nicht mehr.

ZEIT: Sind Sie ganz machtlos oder können Sie auf Hanoi einwirken, den Flüchtlingstrom zu dämmen?