/ Von Wiltrud Miethke ¶

Der Cadillac, dieses provozierend luxuriöse Flaggschiff auf Rädern, war nur noch ein Wrack, als ein paar grinsende jungen den Wagenbesitzer aus „Tonios Bar“ holten. Geld und Papiere lagen unberührt im Handschuhfach des – wohl in einem Ausbruch von Klassenhaß – mutwillig demolierten Wagens.

Die Szene in der Hafenstadt Olbia hätte in jeder anderen Stadt Sardiniens ebenso geschehen können. Auf der italienischen Mittelmeerinsel haben bittere Armut und mächtiger Reichtum keine Verständigung gefunden, nicht einmal jene Form spannungsgeladener Koexistenz, wie sie in anderen vergleichbaren Ländern zu finden ist.

Ende Mai schloß von einem Tag zum anderen eine Fabrik des staatlichen Industriekonzerns ENI. Siebentausend Männer und Frauen aus den Dörfern des Tirso-Tals verloren ihren Arbeitsplatz. Seither empfehlen Ortskundige, die Gegend zu meiden. Die Hotelgemeinschaft der Costa Smeralda hat eine geplante Rallye für Touristen und Einheimische durch die Region eilig abgeblasen, aus Angst, es käme keiner durch.

Gleichfalls im Mai wurde in Alghero der Direktor einer Fiat-Zweigstelle entführt. Die Banditen flüchteten mit ihrem Opfer in die „Barbagia“, die Hochgebirgszüge um Nuoro im Inselinneren. Dort in der dicht wuchernden Macchia wären selbst die Spuren eines Panzers schon nach einem Tag nicht mehr zu finden. Jedermann in der Gegend weiß, daß man fortan die Straßen um die kleinen Gebirgsdörfer Fonni, Orgosolo oder Oliena meiden sollte – selbst Sarden aus den Nachbardörfern würden dort mit eisiger Ablehnung empfangen. Und für Touristen gäbe es leicht einen Steinhagel, womöglich gar eine verirrte Gewehrkugel. Oft sperren die Carabinieri bestimmte Straßen. – Entführungen in die Macchia sind nichts Außergewöhnliches.

Dornen tragen Blüten