Von Rolf Tschombé

Bonn, im Juli

Franz Josef Strauß ist das geworden, was er am liebsten überhaupt nicht, und wenn’s denn schon sein mußte, lieber sehr viel später geworden wäre: Kanzlerkandidat der Union. „Man hat mich durch das von der CDU gewählte Verfahren gezwungen, im Interesse der CSU auf die Bühne zu gehen“, erklärte er noch am selben Tage, an dem ihn die Bundestagsfraktion wählte. Das war nicht geheuchelte Bescheidenheit, Und er hatte ja auch vorher überhaupt nicht geflunkert, als er den Eindruck verbreitete, er sei dazu überredet worden, sich ins Rennen zu begeben. Wenn einer weiß, wie dornenreich der Weg von Kanzlerkandidaten ist, dann Strauß; er hat ja mitgeholfen, zwei davon zur Strecke zu bringen.

Nun also ist er selber ständig auf der Bühne. Wenn das Unionsensemble sich verheddert, kann er nun nicht mehr schnell in die Zuschauerloge verschwinden, um von dort aus den miesen Auftritt sarkastisch zu kommentieren. Er kann auch nicht mehr ohne weiteres einen seiner Helfer auf die Bühne schicken, der dem ungeliebten Hauptdarsteller ein Bein stellt, um jedermann deutlich zu machen, daß dieser die Szene nicht beherrscht. Für das, was nun abläuft, für jede Panne, ist er selber verantwortlich.

Und das 15 Monate lang, bis zur Wahl. Mit einer Truppe überdies, von denen viele nur widerwillig seinen Anweisungen folgen werden: von denen manche, auch wenn sie jetzt nach außen hin Loyalität bekunden, im stillen denken: Nun soll er mal strampeln, auch diese Zeit geht vorbei. Unterstellt man, daß die CSU geschlossen für Strauß gestimmt hat, dann muß mehr als die Hälfte der CDU-Abgeordneten gegen ihn votiert haben, und auch unter denen, die ihn an die Spitze beförderten, taten es manche mehr aus Angst als aus Überzeugung. Strauß hat viele Anhänger auch in der CDU – ein Teil der Partei erträgt ihn freilich nur, trägt ihn aber nicht.

Es ist schon zu verstehen, daß der Bayer den Weg des Kanzlerkandidaten nicht gehen oder doch abkürzen wollte – nicht aus mangelndem Ehrgeiz, sondern aus Vorsicht. Kanzler zu sein, lockte ihn gewiß, aber er wollte das Ziel mit möglichst geringem Risiko erreichen; Und wenn es sich im Frühjahr 1980 als unerreichbar erwiesen hätte, wäre ihm die Begründung eines Verzichts immer noch möglich gewesen: Mit dieser CDU sei eben keine Wahl zu gewinnen. Viele Äußerungen von Strauß, auch die Einlassungen der CSU in der Strategiekommission, deuten darauf hin, daß er sich erst spät entscheiden wollte.

Für diese Strategie war es notwendig, die Kandidatenfrage möglichst lange offenzuhalten, zugleich aber mögliche Konkurrenten zu demontieren, um Strauß auf natürliche Weise und ohne formelle Beschlüsse zur dominierenden Figur zu machen. Helmut Kohl, den die Union für alle Mißerfolge verantwortlich machte, der aber am Anspruch auf die Kanzlerkandidatur festhielt, paßte gar nicht so schlecht ins Bild.