ARD, Sonntag, 1. Juli: „1917 – Jahr der Revolution“, von Willy Reschl

Die Bilder sahen wie Illustrationen aus einem Märchenbuch aus: Zar Nikolaus grüßte sein Volk, Lenin scherzte im Gespräch, revolutionäre Redner erteilten, mannshoch über den Massen, Anschauungsunterricht in Agitation. Aufgeschlagen und weitergeblättert: Erst die Kaiserin (Brief an den Zaren: „Ich habe Deine Handlungsweise, mein Held, wohl verstanden“) dann, auf die Gefährtinnen gestützt, eine aus dem Kerker befreite Rebellin, Wera Figner – und schon trat Rasputin ins Bild, spielte Kerenskij seine Rolle, zeigte Trotzkij vom Eisenbahnwaggon aus, was das sei: Sprache, die wie eine Gewehrkugel ist. Und dann das Volk, betende Bauern, die vor Kanonenfutter standen, und plötzlich, im Kontrast zu den Heerscharen der sich bekreuzigenden Soldaten, ein einsames Kind Und dann die Landschaft: Kornfelder und Schlittenfuhren, Winterpalais, Tolstojs Mütterchen Rußland mit den Schnittern und Popen und das Reich der proletarischen Revolution. Phantastische Bilder, prall von realistischen Details und, insgesamt, eine unwirkliche, eher poetische als historische Zusammenschau.

Und eben dies, dieses Miteinander verschiedenartigster Elemente, hätte im Text auf den Begriff gebracht werden müssen – das zugleich von Abgestorbenem und Revolutionärem, von nationalistischer Großmachtideologie und der Vision einer neuen Gesellschaft. Doch dies mißlang, Statt einen der besten Kenner der Materie, Professor Dietrich Geyer, in gründender Rede zu Wort kommen zu lassen, gab man dem Fachmann nur Gelegenheit zu Minuten-Statements und unterlegte dem Film im übrigen einen Text, der das Synchrone der einander folgenden Ereignisse nicht in den Blick kommen ließ. Kein Wunder also, daß anno 1917, plötzlich aus heiteren Himmel ein Mann namens Lenin auftauchte – ohne Vorgeschichte, ohne Bezug zum prärevolutionären Rußland und dessen klassenmäßig gespaltener Gesellschaft, ohne eine Einbindung in eine Partei, von deren zentralistischer Organisation, aber auch von deren Übereinstimmung mit den Massen im Jahre 1917, nichts gesagt wurde.

Kurzum, statt eine Synopse herzustellen, erzählte der Autor der Sendung, Willy Reschl, eine schlichte Chronik. Erst war da ein Zar mit Namen Nikolaus, und dann kam ein Mann namens Lenin, und mittendrin gab es einen Schauspieler, der hieß Kerenskij. Immer die großen Einzelnen (Lenin: „Ich finde dies völlig unmarxistische Herausstreichen einer einzelnen Person sehr schädlich“), konfrontiert mit dem Volk.

Und keine Dialektik von unten und oben, kein Versuch, das Bild zu ergänzen und im entschiedenen Eingehen aufs Nichtzeigbare die Rolle der Mittler-Instanz zu verdeutlichen und Verbindungslinien zwischen den einzelnen und der Masse zu ziehen. Wie sah sie denn aus, die Partei der Bolschewiki und ihre Zeitung (sowie er eingeführt wurde, war der Begriff Bolschewiki eine Leerformel), und mit Hilfe welcher vorausberechneter „Kombination verschiedener Handlungsweisen“ gelang es, in einem Agrarland eine marxistische Revolution durchzuführen?

So vernünftig und wichtig es ist, Geschichte endlich einmal vom Volk aus zu erzählen, dem Objekt, das Subjekt sein sollte – es reicht nun einmal nicht aus, auf Dialektik verzichtend, die einzelnen und die Masse miteinander zu konfrontieren. Zumindest ansatzweise bleibt eine gesamtgesellschaftliche Analyse unabdingbar. (Nachzulesen in den Studien des gebetenen Fachmanns, den auf die Abgabe von Blitz-Äußerungen beschränkt zu haben sich, wie ich fürchte, auch in den folgenden drei Sendungen rächen wird.) Momos