Seit Jahresbeginn ist der Commerzbank-Aktienindex um etwa 11 Prozent gesunken. Der Kursanstieg der Börsenjahre 1977 und 1978 wurde damit wieder aufgezehrt. Die Gründe: Furcht vor einer weltweiten Rezession als Folge der Ölkrise und der Zinsanstieg auf dem Kapitalmarkt. Beide Faktoren wiegen schwerer als der Wiederaufschwung der Konjunktur und die Aussicht auf steigende Unternehmergewinne. Die deutschen Wertpapieranleger haben auf Vorsicht geschaltet. Bei den Aktien wird eher ab- als aufgebaut.

Eine Änderung dieser Haltung ist nicht abzusehen. Schwung könnte allerdings in den Aktien- und Rentenmarkt kommen, falls ein nennenswerter Teil der Ölmilliarden auf den deutschen Kapitalmarkt gelenkt werden sollte. Einen ersten Vorgeschmack für das, was dann geschieht, erlebten die deutschen Börsen in den ersten Tagen dieser Woche. Selbst marktbreite Aktien wie Siemens, Mannesmann und VW lagen innerhalb kurzer Zeit um fünf bis sechs Mark fester.

Die Ausländer kaufen „große Namen“. Sie kümmern sich wenig um Renditefragen sowie um analytische Betrachtungen. Um so kritischer sind die wenigen verbliebenen deutschen Aktienkäufer, die den Mut aufbringen müssen, gegen den Strom negativer Börsenbeurteilung zu schwimmen. Nicht umsonst ist die VW-Aktie mit einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von 3,4 noch immer weithin das billigste deutsche Papier. Auch Daimler liegt mit einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von 5,9 weit unter dem Durchschnitt. In diesen Bewertungen kommt die Skepsis zum Ausdruck, die angesichts der Ölkrise hinsichtlich der Absatzerwartungen für Personenkraftwagen aufgekommen ist. Bei BMW liegt die Kennziffer bei 7,2; auch das ist wenig. Bei der BMW-Aktie wirkt immer stärker die Ausschüttungsrendite von 7,5 Prozent als Bremse gegen einen weiteren Kursverfall, wobei davon ausgegangen wird, daß sich die Bardividende von zuletzt 9 Mark auch für 1979 aufrechterhalten lassen wird.

Ausschüttungsrenditen von mehr als 7 Mark bringen auch die Unternehmen der Großchemie. Wenn aber davon ausgegangen wird, daß sie in diesem Jahr in der Lage sein werden, ihre Dividenden von bisher sechs auf sieben Mark zu steigern, lassen sich auf Basis der heutigen Notierungen Renditen (einschl. Steuergutschrift) von weit mehr als acht Prozent ausrechnen.

Aber was geschieht 1980? Wird es dann in der Chemie – wie nach der ersten Ölkrise – einen weltweiten Rückschlag geben? Eine Frage, die den Kauf dieser Papiere trotz der hohen Renditen bremst.

Zu den Gewinnern der ersten sechs Monate dieses Jahres zählen die Veba-Aktien, deren Kurse seit Jahresbeginn um fast 20 Prozent gestiegen sind. Dabei nimmt die Veba weder beim Kurs/Gewinn-Verhältnis noch in der Rendite eine Spitzenstellung ein. Honoriert wird aber die Aussieht auf steigende Erträge aus dem Ölgeschäft. Ölaktien sind weltweit zu Modepapieren geworden. Was sich an ihnen verdienen ließ, macht die Aktie der norwegischen Gesellschaft Norsk Hydro deutlich, die seit Jahresbeginn von 69 auf jetzt 195 Mark geklettert ist. Der Preussag-Kurs, ebenfalls „ölgetränkt“, kam in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um zwölf Prozent voran. Die Gesellschaft hat die Verlustzone verlassen und dürfte für 1979 wieder eine Dividende zahlen.

Renditepapiere sind die deutschen Versorgungsaktien geblieben, deren Kursentwicklung seit Monaten im Schatten der Zinsentwicklung und der Diskussionen über die Kernenergie steht. Hier scheint sich eine Änderung anzubahnen. Nicht nur weil der Kapitalmarktzins in seiner Aufwärtsbewegung eine Pause eingelegt hat, sondern auch weil die Energiedebatte die Notwendigkeit zum Bau neuer Kraftwerkskapazitäten deutlich gemacht hat. Der Strombedarf ist nicht zuletzt als Folge höherer Ölpreise kräftig gestiegen, die Kraftwerkskapazitäten werden immer stärker ausgelastet, was der Ertragslage der Unternehmen sicherlich gut tut.