ARD, Donnerstag, 12. Juli, 16.15 bis 17.50 Uhr: „Ich heiße Erika und bin Alkoholikerin Film von Heide Nullmeyer

Der 15. Film der ARD-Frauenprogrammreihe „Nicht so passiv wie man denkt“, behandelt ein Thema, das uns alle angeht: Alkoholismus – so kündigt das Deutsche Fernsehen diesen Film an. Es stimmt: In der Bundesrepublik sind schätzungsweise zwei Millionen Menschen alkoholkrank, und viele stehen an der Schwelle zur Sucht. Doch wann läuft der Film? Nachmittags! (Am selben Abend, im Hauptprogramm, dürfen wir unseren Verteidigungsminister bewundern, der „das Nato-Bündnis durch seine Anstöße kräftig belebt“ ...). Und weil der überlange Film von den Verwaltern dessen, was wir wann sehen dürfen, ins Nachmittagsprogramm gequetscht wurde, flog auch noch kurzerhand das Kinderprogramm raus. Eine gute journalistische Arbeit wird weggedrückt in einem Schema, das nicht auf die Bedürfnisse der Zuschauer zugeschnitten ist. Und warum eine sehr präzise Dokumentation einer weitverbreiteten Sucht als „Frauenprogramm“ verkauft wird – ich weiß es nicht.

Erika ist 39 Jahre alt und seit fünf Jahren „trocken“, wie ihr zweiter Mann, den sie in der Klinik kennenlernte. Beide erzählen in großer Offenheit, ohne Selbstmitleid („Selbstmitleid ist wie Saufen, man kann schön drin lullen“), kühl analysierend die Geschichte ihrer Sucht und wie es ihnen möglich war, sich daraus zu befreien.

Erika berichtet, daß sie als Kind nicht geliebt wurde und als schwer erziehbar galt. Sie „mochte sich nicht leiden“. Mit 23 hatte sie einen Alkoholiker zum Mann, drei Kinder, einen Haufen Schulden und immer eine Flasche im Haus. Erster Schritt: Wenn sie mit ihrem Mann trinkt, denkt sie, trinkt er nicht soviel. Zweiter Schritt: Erika trinkt, um die ehelichen Prügel und Vergewaltigungen ertragen zu können. Dritter Schritt: Ihr Mann kommt in die Klinik. Sie trinkt noch die Reste aus und sagt sich: Ab morgen ist Schluß.

Zittern und Würgen befällt sie. Sie greift zu Tabletten. Vierter Schritt: Ihr Mann kommt aus der Klinik, hält es drei Tage aus, fängt wieder an zu trinken, Erika ist erleichtert: Sie kann wieder mithalten, streitet aber weiter beharrlich ab, daß auch sie inzwischen süchtig ist und nicht mehr nur Alkohol, sondern auch Tabletten braucht. Lieber wollte sie als nervenkrank gelten denn als Alkoholikerin, „weil einem dann das Mitleid der Umwelt sicher ist“ und der Status eines Kranken. Denn Alkoholismus wird meist nicht als Krankheit betrachtet, sondern als eine Frage der Selbstdisziplin. Erikas Schwager sagt einmal: „Hör doch auf, und reiß dich zusammen!“ – Fünfter Schritt: Im Delirium wird Erika in die Klinik eingeliefert. Ihre drei Kinder landen verwahrlost im Heim.

Es beginnt der furchtbar mühsame Weg heraus aus der Gosse mit Hilfe von Ärzten und Selbsthilfegruppen, die Zerstörung der Suchtpersönlichkeit und der Aufbau eines neuen, selbstbewußten und, was Erika und ihren zweiten Mann betrifft, rührend sensibilisierten Menschen. Alle von der Sucht betroffenen Menschen kommen in dem Film zu Wort: Nicht nur Erika und ihr Mann selbst, sondern auch die Kinder, die Furchtbares durchlitten haben, und Verwandte. Das ergibt eine eindrucksvolle Studie des Problems Alkoholismus, ohne großes Theoretisieren und Wehklagen, sondern durch die schonungslose Selbstanalyse der Betroffenen, die klug und einfühlsam von der Autorin Heide Nullmeyer gelenkt wird. Überflüssig allerdings scheint mir, daß im letzten Drittel des Films dann noch viele andere Alkoholiker im Gefängnis und in der Klinik zu Wort kommen. Da wiederholt sich vieles.

Margrit Gerste