Kanzlerkandidat Strauß: Polarisierung wie noch nie ist Trumpf

Von Theo Sommer

Er hoffe, hat Franz Josef Strauß einmal gesagt, es werde dem deutschen Volk nie so schlecht ergehen, daß es sich ihn zum Kanzler wünsche. Jetzt geht es der Union, in Grund und Boden gewirtschaftet von einer schwächlich vor sich hindilettierenden Führungsequipe, so elend, daß sie den Bayern als ihren Kanzlerkandidaten auf den Schild hob.

Gewiß hat Strauß der Opposition auch einen Dienst geleistet, indem er, einem florentinischen Giftmischer gleich, mit der Verabreichung langfristig wirkender Tropfen – Marke Kreuther Elixier – Helmut Kohl aus dem Wege räumte; einen Kohl, der die Union genau zu einer Zeit chloroformierte, da sie nach zehn Jahren SPD/FDP-Koalition einer vom Verschleiß gezeichneten Regierung den nächsten Machtwechsel hätte abtrotzen müssen. Vielleicht hat Strauß obendrein dem Frühstarter Ernst Albrecht einen Gefallen getan, dem ein aussichtsloses Rennen gegen Helmut Schmidt erspart bleibt und der sich nun auf einen anderen Tag, eine andere Schlacht – die von 1984 – rüsten darf. Aber kann es seiner Partei, kann es dem politischen Leben der Bundesrepublik guttun, daß er der Union seine Kanzlerkandidatur abgepreßt hat?

Jeder vernünftige Demokrat wird sich zunächst einmal sagen: Es darf kein Bürgerkrieg ausbrechen, wenn die prominenteste Gestalt der Opposition, in der Bundespolitik seit dreißig Jahren, heute der Ministerpräsident eines unserer größten Länder, nach dem Hebel der Macht greift. Wie immer umstritten und angefochten der Mann auch sei, er ist kein Faschist, auch kein Protofaschist, sondern ein Politiker, in dessen Denken sich erstaunlich Liberales mit verwundernswert Reaktionärem in einer Weise mischt, die das Grundgesetz durchaus deckt.

Eine Reihe von Erwägungen mag die staatsbürgerliche Gelassenheit bestärken: daß nichts so heiß gegessen wird wie gekocht; daß Strauß sich fortan schon aus wahltaktischen Gründen einen Ruck zur Mitte hin geben muß; daß er mit seiner Organisation aus lauter bayerischen „Spezln“ bundespolitisch nichts werden kann, sondern sich zwangsläufig des mäßigenden Bonner Apparates wird bedienen müssen.

Drei weitere Argumente könnte sich der unaufgeregte Demokrat zurechtlegen. Erstens: Jetzt herrschen endlich klare Verhältnisse in der Opposition; die gewichtigste Figur, die sonst aus der Fülle ihres Wesens wie ihres Ehrgeizes jeden anderen an die Wand gedrückt hätte, ist an die Spitze getreten; der Hauskrach hat ein Ende. Zweitens: Auch in der Bundespolitik herrschen von jetzt an klare Verhältnisse; die beiden stärksten politischen Talente und Temperamente der Republik, Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß, stehen einander gegenüber; die Zeit des Jonglierens und Lavierens ist vorbei. Drittens: Wie die Dinge liegen, kann Strauß die Bundestagswahlen im nächsten Jahr doch nicht gewinnen; verliert er gegen Schmidt, sind ihn die Deutschen endlich los; der Alp aus dem Alpenland drückt ihnen nicht länger auf der Seele.