Von Almut Seiler-Dietrich

Afrikanische Literatur in deutscher Übersetzung, das heißt immer noch überwiegend: Märchen. Wohl wagten sich kurz nach den Unabhängigkeiten der sechziger Jahre einige Verlage mit Werken der Négritude-Literatur auf den Markt, mit Romanen und Gedichten jener Bewegung, die mit dem Schlagwort „Zurück zu den Quellen“ unter der Führung des senegalesischen Staatspräsidenten Léopold Sédar Senghor seit den dreißiger Jahren schwarzes Selbstbewußtsein aufbauen wollte. Das essayistische und lyrische Werk Senghors selber ließ sich in Deutschland verkaufen, als er 1968 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt.

Seitdem hat man in der Bundesrepublik kaum etwas von den neueren Romanen, Theaterstücken und Gedichten gehört, die den Aufbau der schwarzafrikanischen Nationen begleiten. Die Reihe „Dialog Afrika“, die der Walter-Verlag und der Peter Hammer-Verlag seit diesem Frühjahr herausgeben, stößt in eine Markt- und Bewußtseinslücke. Mit dem ersten Buch dieser Reihe –

Wole Soyinka: „Die Plage der tollwütigen Hunde“, aus dem Englischen von Wolfgang Strauss; Walter-Verlag, Olten, 1979; 448 S., 32,– DM

– einer Lizenzausgabe des Ostberliner Verlages „Volk und Welt“, wo derselbe Text 1977 unter dem Titel „Zeit der Gesetzlosigkeit“. erschienen ist, wird der 1973 veröffentlichte Roman des wohl bedeutendsten afrikanischen Autors nachkolonialer Zeit vorgelegt. Der Nigerianer Wole Soyinka wurde 1934 in der Yorubastadt Abeokuta geboren. Er studierte Theaterwissenschaften und Literatur in Nigeria und England und lehrte an den nigerianischen Universitäten Ibadan und Lagos. Wegen politischer Aktivitäten saß er zweimal für insgesamt drei Jahre im Gefängnis. Heute ist er Leiter der Dramaabteilung der Universität Ife, Westnigeria.

1960 wurde sein Theaterstück „Tanz der Wälder“ zur Unabhängigkeitsfeier Nigerias uraufgeführt: Es demontiert die idealisierte Vergangenheit, wie sie zur Zeit der Unabhängigkeiten häufig präsentiert wurde. Die Komödie „Der Löwe und das Juwel“ verspottet die Nachäfferei Europas. In der Verfilmung seines Stückes „Kongis Ernte“ spielt Soyinka selber die Hauptrolle: Es prangert Korruption und Unmenschlichkeit eines politischen Führers an, mit dem damals Nkrumah gemeint war.

Nach seinem Gefängnisaufenthalt schrieb Soyinka vor allem Gedichte, Erzählungen und Romane. Er wehrt sich gegen die Verpflichtung, der kulturellen Vorherrschaft Europas eine idealisierte afrikanische Kultur und Geschichte gegenüberzustellen, wie die Négritude es tat und fordert, mit dem Gegenschlagwort: „Ein Tiger proklamiert nicht seine Tigritude, er springt.“