Von Michael Jungblut

Zeichen, die bequem gewordene Wohlstandsbürger aufrütteln, ein Kraftakt zur Sicherung der Energieversorgung – das erwarteten Hunderte Millionen Weltbürger vom Gipfeltreffen in Tokio, Millionen Deutsche von der Regierungserklärung Helmut Schmidts in Bonn. Sie haben alle zuviel erwartet.

Die sieben Staats- und Regierungschefs bescheinigten einander zum Abschluß ihrer Gipfelkonferenz, die ganz im Zeichen der Ölkrise stand, sie hätten „kühne und entscheidende Maßnahmen“ zur Sicherung ihrer Energieversorgung getroffen und einen „Gipfel von historischer Bedeutung erlebt“ – aber sie ähnelten kleinen Jungen, die laut pfeifend durch einen dunklen Wald marschieren, um ihre Angst zu verbergen. Gemessen an der Größe der Aufgabe brachte das kleinliche Feilschen in Japans Hauptstadt nichts. Tokio wurde ein Gipfel der Enttäuschung. Die Welt hatte einen Schwur erwartet, die vereinte Kraft der großen Industrienationen zur Lösung der Energieprobleme einzusetzen, vergleichbar dem amerikanischen Entschluß, die Mondlandung vor den Sowjets zu schaffen. Sie wurde nur Zeuge einer Bauchlandung.

Der Bundesregierung muß es da als Verdienst angerechnet werden, daß sie der Versuchung widerstanden hat, durch Bonner Geschaftlhubern nachzuholen, was in Tokio versäumt wurde. Die Regierungserklärung des Kanzlers (siehe dazu Seite 17) lief auf eine schlichte Fortschreibung des alten Energieprogramms hinaus. Tiefgreifende Änderungen der Energiepolitik können ja auch nicht hopplahopp an einem Montagnachmittag beschlossen und am Mittwoch verkündet werden. Was zuvor versäumt worden ist, läßt sich nicht in drei Tagen nachholen.

Anzurechnen ist der Bundesregierung auch, daß sie einer zweiten Versuchung widerstanden hat: mit Hilfe dirigistischer Eingriffe rasche (Schein-) Erfolge zu suchen. Denn Zuteilungen, Verbote und Reglementierungen bringen keinen Tropfen mehr Öl ins Land. Sie lähmen aber nach aller Erfahrung den Willen und die Kraft zur Selbsthilfe: Sie führen bloß dazu, daß ein Großteil der Tatkraft und Phantasie, die so dringend nötig ist, um die Energieknappheit zu überwinden, damit vergeudet wird, bürokratische Verordnungen und Kontrollen zu umgehen und nach Schlupflöchern im Paragraphenzaun zu suchen. Ein Rückfall in den Dirigismus hätte außerdem die Gefahren für die Konjunktur zusätzlich erhöht.

Politiker und Konjunkturexperten fragen sich schon seit Monaten ängstlich, ob die Wirtschaft Anzeichen eines neuen Ölpreisschocks erkennen läßt. Treiben wir in eine neue Rezessionsphase hinein? In Europa, Japan und den Vereinigten Staaten wird nervös der Rechenstift gespitzt: Um wieviel Prozentpunkte treibt wohl die Verdoppelung der Rohölpreise binnen eines halben Jahres die Inflations- und Arbeitslosenraten nach oben, das wirtschaftliche Wachstum nach unten?

Die Zahlen, die jetzt der erschrockenen Öffentlichkeit präsentiert werden, sind zum Teil widersprüchlich; sie sind auch keineswegs zwingend. Wenn Regierungen, Notenbanken, Gewerkschaften und Unternehmer die Nerven behalten, dann gibt es keinen Grund, warum der Aufschwung schon wieder zu Ende sein sollte. Das setzt dann freilich einiges voraus. Zum Beispiel: