Strauß wirft seinen Schatten voraus. Eine Woche vor seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten der Union hat es die CSU im Bundestag zuwege gebracht, den Allparteien-Kompromiß zur Neuordnung der Kriegsdienstverweigerung und des Zivildienstes platzen zu lassen. Zehntausende junger Menschen, die seit dem fatalen Richterspruch aus Karlsruhe auf ihre Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer warten, und ungezählte Alte, Kranke, Behinderte, die dringend auf die hilfreichen Dienste junger Menschen angewiesen sind, können sich bei den Unionsparteien „bedanken“, wenn die Neuregelung nun auf die lange Bank geschoben wird – vielleicht bis nach der Bundestagswahl 1980.

Unter dem Druck einiger bayerischer Parteifreunde ist die CDU/CSU-Fraktion von dem gemeinsamen Gesetzesentwurf abgerückt, der in vier Monaten von den Fraktionsbeauftragten Konrad Kraske (CDU/CSU), Gerhard Jahn (SPD) und Friedrich Hölscher (FDP) ausgearbeitet wurde. Koalition und Opposition legten am vorigen Mittwoch getrennte Entwürfe vor, die beinahe deckungsgleich sind, bis auf die zwei entscheidenden Punkte, derentwegen die Einigung platzte;

1. Das Anerkennungsverfahren. Nach dem Entwurf der SPD und FDP „kann“ der Prüfungsausschuß einen Kriegsdienstverweigerer „ohne persönliche Anhörung“ anerkennen. Die CDU/CSU besteht darauf, daß die mündliche Gewissensprüfung wie bisher die Regel, eine Entscheidung nur nach den Akten die Ausnahme bleibt.

2. Die Dienstzeit. SPD und FDP wollen die Zivildienstzeit wie bisher bei 16 Monaten belassen, die Opposition will sie auf 18 Monate verlängern, also drei Monate mehr als die reguläre Militärdienstzeit. (Im Schnitt dient ein Wehrpflichtiger [mit Reserveübungen] 15 Monate plus sieben Tage).

Hinter den Unterschieden in den Entwürfen verbergen sich gänzlich verschiedene Auffassungen über den Rang der Grundrechte. Für die Koalition geht die Freiheit des Gewissens selbst im Kriegsfall der Pflicht zur Landesverteidigung vor. Sie wollte trotz des Karlsruher Urteils, das eine Kriegsdienstverweigerung per Postkarte verbot, die Gewissensprüfung in jeglicher Form abschaffen, Statt dessen sollte – das Bundesverfassungsgericht hatte diese Option offengelassen – der Zivildienst so ausgestaltet werden, daß er die „einzige Probe auf die Gewissensentscheidung“ wäre.

Die Opposition mißtraut dem Gewissen der jungen Bürger. Sie handelt nach der (meist falsch zitierten) Devise Lenins: „Mißtrauen ist gut, Kontrolle ist besser,“ Für sie sind Wehr- und Zivildienst auch kein gleichwertiger Friedensdienst. CDU-Abgeordneter Kraske: „Den eigentlichen Friedensdienst leisten unsere jungen Soldaten.“

Die Koalition konnte ihr Maximalziel nicht durchboxen, weil die Opposition im Bundesrat die Mehrheit hat. Darum ließ sie sich dazu herbei, eine Gewissensprüfung in Zweifelsfällen zuzulassen, wollte dafür aber auf die Verlängerung der Zivildienstzeit verzichten, weil man sonst die Kriegsdienstverweigerer dafür, daß sie ein Grundrecht beanspruchen, doppelt bestraft hätte.