Zu seiner ersten Papstaudienz reist Bundeskanzler Schmidt nach Rom: Eine weltpolitische Tour d’horizon und der Besuch von Sehenswürdigkeiten stehen auf dem Programm.

Immer schon, wenn sich ein Bonner Kanzler – gar ein sozialdemokratischer und protestantischer – anschickte, den Papst zu besuchen, verkrampfte sich etwas in der deutschen Provinz, in der kirchlichen wie in der parteipolitischen. So kommt auch jetzt, da Helmut Schmidts Staatsbesuch im Vatikan am kommenden Montag bevorsteht, manch peinliche Befangenheit zum Vorschein: Am Ende haben sich – so wird geunkt – der Hamburger Lutheraner und der polnische Papst wirklich etwas zu sagen! Nimmt er doch sogar seinen katholischen Freund Georg Leber mit, der früher schon, als es noch nicht so schick wie heute war mit Polen, mit polnischen Bischöfen sprach und trotz Parteibuch sogar im Vatikan vorgelassen wurde.

Ein Frankfurter Klerus-Blatt will sogar wissen, daß den Kanzler ein Theologe begleitet, der im Vatikan persona non grata sei. Nun, besagter Priester gehört zwar nicht zu des Kanzlers Gefolge, wohl aber zu den wenigen Deutschen, die beim neuen Kardinal-Staatssekretär Casaroli stets willkommen sind; auch steht er einem östlichen Kardinal nahe, was ihn natürlich „ostpolitisch“ noch verdächtiger bei jenen macht, die das Gras wachsen hören, wo nichts als ihr eigenes Unkraut blüht.

Den Kanzler braucht all dies auch deshalb nicht zu kümmern, weil die Themen seines Gesprächs mit dem neuen Pontifex weit über den deutschen Kirchturmhorizont hinausragen: Grundwerte, Menschenrechte in Ost und West, europäische Gemeinsamkeit, Probleme des Friedens im Nahen Osten, in Afrika, in Asien.

Mag auch der deutsche Klerus im Vatikan schwach vertreten sein, die Bundesregierung besitzt in Walter Gehlhoff einen Botschafter beim Heiligen Stuhl, dem Türen nicht nur protokollarisch offenstehen; im Unterschied etwa zu seinem Vorgänger Berger würde er sie auch einem oppositionellen Politiker zugänglich machen. Ein geistlicher „Berater“ im Diplomatenrang, der eh und je dem Vatikanbotschafter zugeteilt ist, hat es nie leicht gehabt, Pflicht und Neigung in Einklang zu bringen. Der Posten, der demnächst vakant wird, wäre aber nur dann entbehrlich, wenn guter Rat nicht so teuer und mancher Unrat auch im heiligen Rom nicht so billig wäre.

Hansjakob Stehle