Von einer gewissen Verlegenheit befallen, die vielleicht auch andere der in dieser Reihe Schreibenden, Empfehlenden, Erklärenden schon gespürt haben, zögere ich, etwas zu dem Roman, der Autobiographie, der Roman-Biographie „Der Sohn einer Magd“ von August Strindberg zu sagen. Diese Verlegenheit betrifft das Verhältnis dieses einen Buches zum Gesamtwerk Strindbergs. Abgesehen von den Dramen, die ihn früh berühmt gemacht haben und die hie und da epische Züge tragen („Nach Damaskus“ etwa oder einige der Historienstücke), hat Strindberg als Erzähler, als Berichtender, als Wahrheitssuchender, als der er sich vor allem verstand, auf drei Ebenen geschrieben. Er hat Romane verfaßt, Autobiographien und Tagebücher. Diese drei Bereiche sind bei ihm jedoch nicht strikt getrennt, es gibt Durchlässe, Querverbindungen, Durchschüsse und Wechselpositionen. Es ist daher weniger leicht als bei anderen Autoren, von dem einen Buch, dem einen Roman zu sprechen, in dem alles, was er zu bieten hatte und was ihn zu sagen drängte, versammelt wäre. Bei Dostojewskij kann ich sagen, es ist alles, was ihn belegte, im „Idioten“ angesprochen, und es ist alles ausgebreitet in den „Brüdern Karamasow“, zwischen beiden müßte meine Wahl entscheiden.

Nicht so bei Strindberg, und es wäre überflüssig, dies hier exponierend zu erwähnen, fühlte ich mich aus der nun über vierzigjährigen Lektüre dieses Autors, aus der oft lange unterbrochenen, aber niemals abgerissenen Kenntnisnahme des Werks nicht gedrängt, dies als unabdingbar für die Lektüre des Einzelwerks und gerade des „Sohns einer Magd“ anzusehen. Strindberg erzählt hier seine Jugend. Vergleiche mit der „Education sentimentale“ von Gustave Flaubert liegen nahe. Vergleicht man jedoch, wird zweierlei deutlich: Strindberg ist distanzloser zu seinem Stoff als Flaubert, und er versucht zugleich, ein gesellschaftliches Ganzes zu erfassen. In dem Vorwort zur Erstausgabe von 1886, das erst aus dem Nachlaß publiziert wurde und das in Form eines Interviews abgefaßt ist, sagt der Autor auf die Frage, was das denn für ein Buch sei:

„Das steht auf dem Titel: Die Entwicklung einer Seele, 1849–1867. Ich gebe zu, da müßte noch stehen: Im mittleren Schweden und unter den im Buche angegebenen Voraussetzungen: die Erblichkeit von Mutter, Vater und Amme; die Verhältnisse während der Schwangerschaft; die wirtschaftliche Lage der Familie; die Weltanschauung der Eltern; die Natur des Verkehrs; Schule und Lehrer, Kameraden, Geschwister, Diener usw.“ Und nicht von ungefähr zitiert Strindberg im weiteren Verlauf dieses Vorworts Emile Zola: „Zola selbst hat in seinem letzten Roman ‚L’Œuvre‘ gewittert, daß seine Methode weiter entwickelt werden muß. Er findet seine Bücher trotz aller Wahrheitsliebe ,lügnerisch‘... Ich halte Zola noch immer für den größten Meister im heutigen Europa, glaube aber, daß er zuweilen den Einfluß des Milieus überschätzt... Ferner glaube ich, daß die ausführliche Schilderung eines Menschen wahrer wird und mehr aufklärt als die einer ganzen Familie.“

Damit ist eigentlich deutlicher als man es in einer Kurzcharakterisierung von Stil und Inhalt leisten könnte, das Koordinatenkreuz angegeben, in dem nicht nur dieses Buch Strindbergs, sondern ein Werk überhaupt anzupeilen ist. Persönliches Bekenntnis und Gesellschaftskritik setzen bei ihm zugleich und in gleicher Perspektive an. Das zeigt nun dieses Buch freilich deutlicher als die vielleicht interessanteren späten, wie etwa „Inferno“ oder „Einsam“ auf der Seite der Autobiographien oder „Die Inselbauern“, „Am offenen Meer“ oder „Schwarze Fahnen“ auf der Seite der Romane, wobei ich persönlich den „Schwarzen Fahnen“ am meisten zuneige, ich halte diesen in mancher Hinsicht erratischen Roman für eines der bedeutendsten Alterswerke der neueren Literatur.

Was den „Sohn einer Magd“ nicht nur im Opus Strindbergs, sondern auch für die vergleichbare Literatur der Epoche so paradigmatisch macht, ist jedoch die noch einmal gelungene Versammlung widerstrebender Elemente. Das ist Literatur und zugleich Fallstudie. Wäre Strindberg in den nichtschwedischen, europäischen Literaturen, vor allem als Erzähler, bekannter gewesen, hätte sich die Dokumentarliteratur in vielen Dingen an diesem Buch orientieren können. Ich sehe allerdings auch die besondere Blüte dieser Tendenz in Schweden darin begründet, daß Strindbergs Beispiel dort selbstverständlich gegenwärtig ist.

Strindbergs Stil ist der eines aufmerksamen Beobachters. Oft folgen sich Ketten von Notaten, überraschend in ein Bild gebündelt. Er verdeutlicht innere Zustände mehr durch ein Erfassen von äußerer Erscheinung, Dialog, Interieur, weniger durch Analyse. Theoretische Zusammenfassungen bedienen sich häufig naturwissenschaftlicher Argumente. Die ästhetische Beurteilung der Erzählung ist niemals zu trennen von der Problematik, die erzählend erfaßt wird. Unvergleichlich die Mischung aus psychologischer, sozialer und literarischer Schilderung des Anfangs bis zum Tod der Mutter. Klingt nicht Freud voraus, wenn es heißt: „Die Trauer hat die glückliche Eigenschaft, sich selber aufzuzehren. Sie stirbt Hungers. Da sie im wesentlichen ein Abbruch von Gewohnheiten ist, kann sie durch neue ersetzt werden. Da sie ein leerer Raum ist, wird der bald wieder gefüllt wie durch einen wirklichen horror vacui.“

Strindbergs Vater ist bürgerlicher Herkunft, die Mutter von einfachem Stand. Bis zum vierten Kind leben die Eltern unverheiratet zusammen. Den sozialen Konflikt, den der heranwachsende Schriftsteller austrägt, sieht er in den familiären und in den psychologischen Voraussetzungen seiner Entwicklung begründet. Der „Sohn einer Magd“ ist der, der zeitlebens zwischen dem Drang zur Vereinzelung und dem zum sozialen Ausgleich nicht zur Ruhe kommt. Eine Inszenierung der „Gespenstersonate“ vor einigen Jahren bediente sich zur Verdeutlichung psychoanalytischer Parolen. Ebensogut hätte sie marxistische Maximen wählen können, wahrscheinlich wäre das aufschlußreicher gewesen, denn im Spätwerk drängt immer wieder so etwas wie sozialistische Allegorie in den Vordergrund.