Die DDR hat ihren Minister für Kohle und Energie gefeuert

Ost-Berlins bekanntester Wirtschaftskommentator, Karl-Heinz Gerstner, wurde bissig. In Radio DDR verkündete er: „Der Konzeptionslosigkeit, man kann sagen, der Kopflosigkeit des Westens haben wir in der sozialistischen Staatengemeinschaft eine konkrete, in sich geschlossene, langfristige Energiepolitik entgegenzusetzen, in der die einzelnen Energieträger ihren Platz haben, auch die Kernenergie, denn ohne die geht es nicht.“ Genau fünf Tage später, am vergangenen Freitag, setzte die DDR-Volkskammer den bisherigen Minister für Kohle und Energie, Klaus Siebold, kommentarlos ab.

Offenkundig muß Siebold nun für den Zusammenbruch der Energieversorgung zum Jahresanfang büßen: Braunkohlengruben und Transportmittel waren eingefroren, Industriebetriebe stillgelegt, Haushalte durch „Flächenabschaltungen“ verdunkelt, Wärmestrahler für Jungvieh ausgefallen. Minister Siebold gab viele optimistische Interviews, aber die Schäden des Energienotstands konnte er nicht verhindern. Sein Nachfolger, Wolfgang Mitzinger, hat kein leichtes Amt angetreten. Die Braunkohleförderung der DDR wird teurer und bleibt wetteranfällig. Rohöl aus der Sowjetunion ist zwar noch billiger als Opec-Öl, wird aber auch immer kostspieliger. Der Bau von Kernkraftwerken dauert unverhältnismäßig lange.

Dennoch hat Kommentator Gerstner in einem Punkt recht: Unbehelligt von Kraftwerksgegnern können die Ostblockländer die Kernenergie ausbauen. Bei der jetzigen 23. Tagung des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) in Moskau wurde wieder einmal über das langfristige Energieprogramm beraten. Der sowjetische Ministerpräsident Kossygin erklärte in der vergangenen Woche: „In den Vordergrund der Energieversorgung der RGW-Länder rückt die Entwicklung der Kernenergetik.“

Die sowjetische Kernkraftkapazität beträgt derzeit rund zehntausend Megawatt. Einschließlich der in den europäischen RGW-Ländern und in Kuba geplanten Kernkraftwerke wollen die Ostblockstaaten mehr als ein Drittel ihres Strombedarfs durch Kernenergie decken. Diese neuen Atommeiler werden überwiegend im Westen der Sowjetunion entstehen und über 750-Kilovolt-Leitungen auch mit anderen RGW-Staaten verbunden werden. Beschlossen wurde jetzt der Bau einer Leitung nach Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei.

Daß der Bau von Kernkraftwerken in den sibirischen Weiten möglicherweise ungefährlicher wäre, spielt in der UdSSR wohl keine Rolle. Denn die sowjetischen Industriezentren liegen überwiegend diesseits des Urals, und die Stromübertragung von Sibirien dorthin wäre zu teuer. Die Sicherheit von Kernkraftwerken, so wird immer wieder beteuert, sei gewährleistet, und auch das Problem der Abfallagerung habe „eine zuverlässige ingenieurtechnische Lösung“. Für die westlichen Proteste gegen Kernkraftwerke macht der Präsident der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, Anatolij Alexandrow, die um ihre Profite fürchtenden Ölkonzerne verantwortlich.

Zum Bau der neuen Kernkraftwerke sollen natürlich alle Ostblockstaaten beitragen. So wurde jetzt in Moskau ein „Abkommen zur Internationalen Kooperation und Spezialisierung bei der Herstellung von Kernkraftwerksausrüstungen“ unterzeichnet.