Einer der großen Damen des letzten Jahrhunderts ist es zu verdanken, daß die Vergangenheit der französischen Provinzen Berry, Auvergne und Bourbonnais nicht allein in Museen lebt: Auf ihrem Schloß Nohant in Berry, inmitten dieses Landstriches südwestlich der Loire, sammelte die traditionsbewußte Georges Sand nämlich Legenden, Sitten und Mythen der Region, um sie in ihren Romanen festhalten zu können. Dieses bemerkenswerten Engagements der Schriftstellerin – auch bekannt wegen ihres Auftretens in Männerkleidung und wegen ihrer zahlreichen Liebschaften mit berühmten. Zeitgenossen – gedenken an drei Tagen im Jahr Dudelsackpfeifer und Drehleierspieler. Sie treffen sich nur wenige Kilometer vom Schloß der Sand entfernt, in La Châtre, zu einem Festival traditioneller Volksmusik.

Organisiert wird das seit 1976 stattfindende Folklorefest – wie kann es auch anders sein – vom „Comité Georges Sand“. Unter Liebhabern alter Volksmusik gilt es als Geheimtip, denn seine instrumentale Besetzung unterscheidet es von vielen anderen Veranstaltungen dieser Art.

In diesem Jahr geben sich vom 13. bis 15. Juli Dudelsack und Drehleier in dem französischen Städtchen ein Stelldichein. Mit ihren Bordunen, diesen hohen, quäkenden, schier endlosen Klängen, bestimmen sie den Ton. Im Château von Chartier – Schauplatz eines Romanes der Autorin über zwei rivalisierende Dudelsackpfeifer – finden sich dann Barden aus Frankreich, England, Spanien, Italien, Deutschland und Benelux zum abendlichen Konzert ein. Die Musikanten und ihre Zuhörer, denen das Defilee durch La Chätre und die schnellen Paar- und Formationstänze noch in den Knochen stecken, werden in dieser Nacht nicht müde. Bis in den Morgen dröhnen die Planken des Tanzbodens vor der Schloßkirche.

Aber nicht nur während des Festivals kommen Folklorefans im Lande Georges Sands auf ihre Kosten. Werden bei uns Dudelsack und Drehleier bestenfalls als skurrile und exotische Attraktionen akzeptiert, haben sie in diesem Teil Frankreichs ihren festen Platz in der Musik erobert. Wenn sich in Berry Dorfbewohner zum Vin Rouge in der Kneipe oder zum Abendessen im Restaurant treffen, haben viele ihr Instrument dabei. Kein Wirt oder Gast würde es als Ruhestörung empfinden, wenn die quietschenden Sackpfeifen nach dem Dessert erklingen. In den Städten ist diese Form musikalischer Eigeninitiative zwar seltener anzutreffen, dafür gehören die dudelnden und leiernden Troubadours zum festen Repertoire in Musikboxen, Plattenläden und im Radioprogramm. J. R.