Das Vietnam-Drama geht weiter – Eine Woche auf der Insel Pulau Bidong

Von Josef Joffe

Von fern wirkt Pulau Bidong wie ein chinesischer Strohhut, der verloren im Wasser treibt.

Der feuchte Dunst der südchinesischen See verwandelt die Umrisse der Insel zu einem blassen, 250 Meter hohen, geometrisch-spitzen Kegel, der abweisend aus dem Wasser ragt.

Wo sollen hier Menschen wohnen?

Bis vor zehn Monaten setzte kaum jemand seinen Fuß auf das Eiland. Es gab eine Hütte, die malayischen Fischern Schutz vor dem Sturm bot und einen Ziehbrunnen, der Wasser für die Weiterfahrt lieferte. Dann wurde sie für 5000 boat people hergerichtet. Heute leben hier 40 000 Flüchtlinge aus Vietnam zwischen Steilhang und Meer: Kinder, Jugendliche, Eltern, Greise. Vietnam, 200 Meilen weit ins Meer verrückt. Eine Stadt auf nur einem Quadratkilometer. Asiens Flüchtlingselend, Hunger und Sterblichkeit sind mit dem Namen Pulau Bidong geographisch faßbar geworden. Offiziell ist hier am 11. Juni das letzte Flüchtlingsboot gelandet – aber immer noch suchen Vietnamesen über das Meer den Weg zur Insel: Sie hoffen, hier die einst von „Onkel Ho“ versprochene Freiheit zu finden. Doch die muß anders aussehen als Pulau Bidong.

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