Das Vietnam-Drama geht weiter – Eine Woche auf der Insel Pulau Bidong

Von Josef Joffe

Von fern wirkt Pulau Bidong wie ein chinesischer Strohhut, der verloren im Wasser treibt.

Der feuchte Dunst der südchinesischen See verwandelt die Umrisse der Insel zu einem blassen, 250 Meter hohen, geometrisch-spitzen Kegel, der abweisend aus dem Wasser ragt.

Wo sollen hier Menschen wohnen?

Bis vor zehn Monaten setzte kaum jemand seinen Fuß auf das Eiland. Es gab eine Hütte, die malayischen Fischern Schutz vor dem Sturm bot und einen Ziehbrunnen, der Wasser für die Weiterfahrt lieferte. Dann wurde sie für 5000 boat people hergerichtet. Heute leben hier 40 000 Flüchtlinge aus Vietnam zwischen Steilhang und Meer: Kinder, Jugendliche, Eltern, Greise. Vietnam, 200 Meilen weit ins Meer verrückt. Eine Stadt auf nur einem Quadratkilometer. Asiens Flüchtlingselend, Hunger und Sterblichkeit sind mit dem Namen Pulau Bidong geographisch faßbar geworden. Offiziell ist hier am 11. Juni das letzte Flüchtlingsboot gelandet – aber immer noch suchen Vietnamesen über das Meer den Weg zur Insel: Sie hoffen, hier die einst von „Onkel Ho“ versprochene Freiheit zu finden. Doch die muß anders aussehen als Pulau Bidong.

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Pulau Bidong – anus mundi im Jahrhundert der Flüchtlinge. Hier sind Zehntausende von ihnen zusammengepackt wie in einem Konzentrationslager: Ethnische und politische Flüchtlinge und Vertriebene, deren Lebenskatastrophe auf der Insel in eine neue Phase tritt.

Unter dem Banner der nationalen Freiheit waren die Kommunisten Vietnams vor drei Jahrzehnten gegen ihre Kolonialherren angetreten. Heute freilich unterscheiden sich die Machthaber in Hanoi in nichts von den imperialistischen Zynikern, die ihre Propagandamaschinerie in den sechziger und siebziger Jahren als Feindbild zu zeichnen pflegte.

Eine Bilanz des vietnamesischen „Befreiungskampfes“ hat der UN-Hochkommissar für Flüchtlingsfragen, Poul Hartling (siehe ZEIT-Interview Seite 12, gezogen: „Von den 550 000 registrierten Flüchtlingen, die seit Mitte 1975 aus Indochina in die nicht-kommunistischen Nachbarländer einströmten, sind nur 15 000 in Hongkong und 2000 muslimische Kambodschaner in Malaysia fest angesiedelt worden. 200 000 haben wir vor allem nach Amerika, Frankreich, Australien, Kanada sowie in andere westliche Staaten überführt. Über 300 000 leben gegenwärtig in UN-Camps, in Thailand, Malaysia und Hongkong, in Singapur, Indonesien und auf den Philippinen.“ Diese ASEAN-Staaten fühlen sich überfordert. Selbst den Versprechungen und Bitten von US-Außenminister Vance und dem Vorsitzenden des EG-Ministerrates, Irlands Außenminister O’Kennedy, die letzte Woche gen Südostasien eilten, schenken sie weder Gehör noch Glauben. Sie wollen die Asylanten nur wieder loswerden. „Die ASEAN-Länder“, sagt Manilas Außenminister Romolu, „können sich nicht länger leisten, menschlich zu sein.“

Am vorigen Sonntag hat der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Waldheim, 60 Länder aufgefordert, an einer Flüchtlingskonferenz teilzunehmen, die am 20. und 21. Juli in Genf die „Krise in Südostasien“ erörtern soll: Zu den eingeladenen Ländern gehören China und Vietnam. Ob sie kommen werden, steht dahin. Während Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher soeben in Bangkok einen 2-Millionen-Mark-Scheck in die UN-Flüchtlingskasse legte (gerade genug, um ein provisorisches Abwassersystem auf Pulau Bidong zu errichten), kündeten die Franzosen an, weitere 5000 Vietnamflüchtlinge aufzunehmen. Auf dem Weltwirtschaftsgipfel versprachen die USA, 14.000 Vietnamesen pro Monat einreisen zu lassen. Dieser Zahl würde ein deutsches. Kontingent von insgesamt 62000 Vietnam-Flüchtlingen entsprechen: Die Länderchefs verschanzen sich freilich hinter Asylrechts-Argumenten und Finanzklagen. Kein Geld für Flüchtlinge...

Und sogar die Japaner versicherten, sich mehr als bisher für die Vietnamesen einzusetzen. Das reichste Land in Fernost hat erst drei (!) vietnamesischen Vertriebenen eine neue Heimat angeboten. Jetzt sollen es 500 werden.

In der Zwischenzeit allerdings ertrinken weiterhin Tausende von ihnen jämmerlich im südchinesischen Meer. Im Juni soll die malaysische Marine – nach glaubwürdiger Auskunft von Beamten – 12 000 Flüchtlinge auf 60 Booten wieder von Malaysias Ostküste aufs offene Meer hinausgezogen haben: Gleichzeitig landeten 16 000 neue Flüchtlinge im Rücken der Soldaten.

Gemessen an ihrem ungewissen Los scheint das Schicksal der Menschen auf Pulau Bidong erträglich zu sein.

Doch der Eindruck täuscht.

Pulau Bidong. Malaysische Polizeiboote umkreisen, die Insel: Noch aus 500 Meter Entfernung spiegelt sie Südseeromantik vor. Unzählige, rundbedachte Stelzenhäuschen – ein cleverer Architekt des Club Mediterranée könnte sie an . den grünen Hang geklebt haben. Dünne Rauchsäulen über den Feuerstellen lassen Picknickfreuden im Dschungel vermuten. Eine dicht gedrängte Menge halbnackter Menschen ruft Ferienspaß im überfüllten Strandbad in Erinnerung. Erst als wir Minuten später am Steg festmachen, ist er da – ein höllischer Geruch von Kot und Urin.

Der Fäkaliengestank hängt unbeweglich über der Insel.

Kein Wind und kein Sturm kann die Ausdünstungen vertreiben. Auch der Regen schafft keine Erleichterung, im Gegenteil. Er löscht nur die Kochfeuer und ertränkt den Rauch.

Regen überflutet die improvisierten Abwässerkanäle, die schlammigen Rinnsale, die sich an jedem Abfallhaufen stauen; und wenn der Rauch verschwunden ist, bleibt nur noch der Urindampf übrig – stechender als zuvor.

Auf der Insel Pulau Bidong gibt es lediglich eine offizielle Toilette für die 40 000 Menschen – das sind mehr als die Hälfte aller Vietnam flüchtlinge in Malaysia.

Die Latrine auf der halben Höhe des Hanges hat zwölf Sitze. Zwei Sechserreihen, Rücken an Rücken, links die Frauen, rechts die Männer. Die Trennwände reichen bis zur Gürtelhöhe. Vorn sind die Verschlage offen. Jedermann kann von weitem sehen, ob sich der Weg nach oben lohnt. Für die Notdurft bleibt der Wald, der Strand und das Wasser – dort wo sich Fliegen und Ratten bereits über die anderen Rückstände menschlicher Existenz hermachen.

Die UN-Flüchtlingsbehörde liefert blaue Plastikkübel für den Unrat. Sie werden am Strand gesammelt, bis gelegentlich ein Boot vorbeikommt, um sie auf der Rückseite der Insel ins Meer zu leeren.

In diesem Pfuhl vegetiert seit sechs Monaten der 29jährige Vietnamese Tran Manh Khiem; einer jener boat people, die Malaysias Innenminister kühl „Treib- und Strandgut“ nennt, angelockt von den „Schalmeienklängen der Menschenrechte“, Und die finden zur Zeit kein geeignetes Ohr in Kuala Lumpur.

Der junge Tran, der in jedem Land zur intellektuellen Elite gehören würde (nur nicht im neuen Vietnam) erzählt seine Geschichte, während wir Tee aus Blechbüchsen trinken.

„Ich gehörte zu den ‚best and brightest‘, den Besten und Klügsten, wie man in Amerika sagt. Ich habe an der Berkeley-Universität cum laude abgeschlossen und bin dann 1974 nach Vietnam zurückgeflogen. Damals war ich 24 Jahre alt und stieg schnell zum zweiten Mann in der Rechnungsabteilung von Shell/Vietnam auf. Im Mai 1975 wurde ich von den Vietcong gefeuert.“

Erst nach dem dritten Anlauf gelang Tran schließlich die Flucht. Für das Regime in Hanoi war das ein Geschäft: Trans Abschied kostete ihn rund 3000 US-Dollar in Gold. Eine Hälfte ging an die Behörden, die andere an den Bootsverkäufer. Für Gold erstand Tran bei der Polizei chinesische Papiere und einen „echt chinesischen Namen“. Damit war er als Mitglied der verfolgten Minderheit „ausweisungswürdig“. Er fuhr mit 180 anderen „Chinesen“ aufs Meer. Unterwegs wurde das Boot der Flüchtlinge siebenmal von Thai-Piraten geentert. Sein Schicksal ist typisch:

„Man nahm uns alles, was wir an Gold und Wertsachen besaßen, sogar meine Brille. Auf der Suche nach versteckten Diamanten haben sie unsere Wasserbehälter, geleert. Als wir nichts mehr besaßen, was sie rauben konnten, haben die Piraten unsere Frauen auf offenem Deck vergewaltigt. Eine der neun Frauen beging anschließend Selbstmord. Sie sprang über Bord. All’ das hätte ich mir nie und nimmer träumen lassen – doch hätte ich’s gewußt, ich wäre dennoch geflohen.“ Doch die Hoffnung, die bürgerlichen Rechte und Freiheiten in den anliegenden, nicht-kommunistischen Staaten zu finden, wird in Pulau Bidong und den anderen Flüchtlingslagern der Region auf eine harte Probe gestellt.

Wovon lebt der Mensch?

Auf Pulau Bidong lebt er von den Rationen des malaysischen „Roten Halbmonds“, die vom UN-Flüchtlingskommissariat bezahlt werden.

Sie enthalten 300 Gramm Sardinen, 225 Gramm Hühnerklein und 280 Gramm Erbsen. Dazu kommen 680 Gramm Reis und zwei Beutel mit Nudeln. Das soll für drei Tage reichen.

„Niemand verhungert“, lautet der knappe Kommentar des Lagerführers, Pater Ngoc Trieu.

Alles andere liefert der Schwarzmarkt, neben dem Gesundheitsdienst die wichtigste Institution für das Überleben der Inselbewohner.

Wer Holz im – sich lichtenden – Dschungel schlagen will, muß. die Axt auf dem „Broadway“, der Hauptstraße von Pulau Bidong, kaufen. Die Preise sind in der letzten Zeit gefallen, denn den Flüchtlingen aus Vietnam gehen das Gold und auch die US-Dollar aus.

Auf dem „Broadway“ hocken die Händler – ausschließlich Vietnam-Chinesen – Schulter an Schulter vor ihren Auslagen. Wie in der alten Heimat, sind sie auch auf der Insel clevere Geschäftsleute.

Auf Pulau Bidong beziehen die Vertriebenen ihre Ware von chinesischen Mittelsmännern, die sich selbst bei malaysischen Schmugglern eindecken. Nachts, wenn der einzige Stromgenerator abschaltet und wenn das Lager einschläft, fahren die Ringführer, wie in Vietnam straff in Geheimgesellschaften organisiert, aufs Meer hinaus, wo Fischerboote vor dem Festland ankern.

Die Preise in Pulau Bidong sind etwa doppelt so hoch wie auf dem zehn Meilen entfernten Festland, Drei winzige Äpfel kosten einen malaysischen Dollar, das sind 90 Pfennig, und ein Apfelhändler wie der 40jährige Luu Han Chau verdient hier mit seinen Äpfeln 4,50 Mark am Tag.

Im „Café Wandersmann“ und im „Café Seeblick“ kostet die Dose Cola 1,80 Mark – Gold hingegen ist auf dem „Broadway“ zum Schleuderpreis zu haben. Trauringe liegen bei den Geldwechslern für nur 9 Mark aus.

Den größten Aufschlag bringen Briefmarken – sie kosten das Dreifache ihres Nennwertes. Kaum hatte ich die malaysischen Polizeikontrollen am Anlegesteg passiert, wurde mir der erste Brief in die Hand gedrückt, ohne Marke – mit einem entschuldigenden Lächeln. Alle zehn Meter ein Brief – die meisten nach Amerika, nach Vietnam, nach Frankreich, Kanada und Australien und eine Handvoll nach Deutschland. Am Schluß waren es über 200, adressiert an Verwandte und Einwanderungsbehörden in aller Welt, geträumte Brücken zur Freiheit.

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Und wieviel Erde braucht der Mensch? In Pulau Bidong, wo 40 000 Menschen auf einem Quadratkilometer zusammengepfercht sind, bekömmt er 27 Quadratmeter. Er bindet Äste zusammen und behängt sie mit aufgeschnittenen Plastiksäcken, die einst Zucker enthielten. Wenn er Glück hat, ergattert er eine grüne oder blaue Kunststoffplane für das Dach.

Er baut sich einen Lattenrost aus Zweigen und teilt dieses Bett mit zwei, drei anderen. Ein Stein ist sein Herd, ein Loch hinter der Hütte ist sein Klo. Seine Kinder jagen die fettgewordenen Ratten mit angespitzten Stöcken durch den Jauchekanal.

Er ist nie allein. Hier gilt Sartres Wort: Die Hölle – das sind die anderen,

Das einzige reale Rettungsboot von Pulau Bidong liegt in der Lagune: Es ist das französische Hospitalschiff „Ile de Lumière“. Ein alter Kahn bringt uns an die Gangway. Der 9000-Tonnen-Frachter, gechartert vom französischen „Ein-Schiff-für-Vietnam-Komitee“, ankert zwischen treibenden Abfällen.

Wir helfen einer hochschwangeren Vietnamesin an Deck. Eine halbe Stunde später sehe ich sie wieder. Sie liegt narkotisiert auf einem Küchentisch des Schiffes, eine Plastikplane zwischen Körper und Bett – ihr dritter Kaiserschnitt. Eine Plane dient als Tür zum Operationsraum. Der Zugang ist erlaubt. „Wie können Sie hier sterile Bedingungen herstellen?“ frage ich. Die Antwort des Arztes – ein gequältes Lächeln.

„Wenn hier Europäer interniert wären“, glaubt der französische Arzt Dr. Pierre de la Garde, „dann hätten wir schon längst 10 000 Tote.“

Und warum nicht unter den Vietnamesen?

„Asiaten leben unter härteren Umweltbedingungen. Vielleicht hat die Natur ihnen ein besseres Immunsystem geschenkt.“

Doch die sechs Ärzte von der „Ile de Lumière“, vier Franzosen, ein Schweizer, eine Afrikanerin, wollen sich nicht auf die Natur allein verlassen. Sie haben Massenimpfungen durchgeführt gegen Typhus, Parathyphus, Kinderlähmung, TBC, Tetanus, Diphterie und gegen Keuchhusten. Indes, die Gesundheit der Flüchtlinge hängt von allzu vielen anderen Unwägbarkeiten ab – zum Beispiel von der Pünktlichkeit des UN-Trinkwasserbootes.

Das Trinkwasser der Insel kommt vom Festland, genau rationiert auf vier Liter pro Tag und Person. Manchmal allerdings bleibt das UN-Boot aus. Dann schnellen die Krankheitszahlen in die Höhe. Im Juni wurden 2000 Fälle von Durchfall registriert.

Wasser zum Waschen stammt aus einem sechs Meter tiefen Ziehbrunnen, den die Flüchtlinge selbst ausgehoben haben. Der Gemeinschaftsbrunnen liegt mitten, auf der „Hauptstraße“. An dem zwei mal zwei Meter großen Geviert drängeln sich stets Hunderte von Flüchtlingen mit Blechbüchsen und Plastikeimern.

Wie gegen Diarrhoe, gibt es gegen Fehlernährung und Marasmus (geistig-körperlichen Kräfteverfall) keine ad-hoc-Therapie. Im Juni behandelten die Lagerärzte 880 solcher Fälle, fast ausschließlich bei kleineren Kindern. Die Schwächsten unter ihnen werden, auf das Hospitalschiff verlegt. Es sind Kinder mit übergroßen Köpfen, mit aufgequollenen Bäuchen und hervorstechenden Knochen.

Neben den Unterernährten liegen die Opfer schwerer Verbrennungen. Sie verletzten sich vor explodierenden Kochfeuern und unter siedendem Wasser, Auch dort, wo zehn Menschen auf 20 Quadratmetern hausen, stürzen die kochenden Wassertöpfe noch auf jene, die dem Boden am nächsten sind – spielende Kinder und krabbelnde Säuglinge.

Die leichteren Fälle unter den Kranken und Verwundeten werden gleich auf der Insel versorgt von 80 vietnamesischen Ärzten, 40 Apothekern, 10 Zahnärzten und 30 Krankenschwestern – Flüchtlinge auch sie: Jede der sieben Lagerzonen verfügt über eine „Klinik“ – ein Bretterverschlag, mehr nicht.

Im letzten Monat wurden zum Beispiel insgesamt 5587 Grippefälle und fast 1000 Hautinfektionen behandelte Krätze ist weit verbreitet.

Entbindungen finden – wie auf dem Hospitalschiff – auf einem Küchentisch statt. Am unteren Ende hat jemand einen Halbkreis herausgesägt, darunter steht ein blauer Plastikkübel für das Fruchtwasser. Alle der bisher 360 Neugeborenen haben das überlebt.

Dr. Pham Glao, der Leiter der Gesundheitsabteilung, hat mir eine Liste mit dringendsten Erfordernissen in die Hand gedrückt, vor allem für die 17 000 Kinder der Insel.

Zur Zeit verfügt der Arzt nur noch über 100 Ampullen mit je einer Million Einheiten Penicillin. Das reicht für höchstens 100 Patienten. Er braucht dringend Antibiotika, Decken für die Mütter und Kinder und Vitamin C, Calcium und Eisen. Es fehlen Traubenzucker, proteinhaltige Nahrung und vor allem Milch.

Nicht minder gravierend sind die seelischen Probleme, die durch das enge Zusammenleben auf Pulau Bidong entstehen. Gefängnis-Soziologen kennen und fürchten die Gefahren: Überfüllung zerstört die unsichtbare Intimbarriere des einzelnen. Aggressionen und Gefängnisaufstände sind die Folgen. Europäer oder Amerikaner wären hier längst aufeinander losgegangen.

In Pulau Bidong, dem einzigen Stellplatz-Gefängnis der Welt, entladen sich hingegen Angst und Angriffslust nur in periodischen Demonstrationen; ein Mitglied des Lagerausschusses: „Ich brauche bloß einen dummen Flüchtling und einen verschreckten malaysischen Polizisten, und die Explosion ist da.“

Vor drei Wochen war dieser Punkt fast erreicht. Am 16. Mai löste der stellvertretende Premierminister Malaysias, Mahathir bin Mohammed, einen Schock aus, als er die malaysische Version eines „Schießbefehls“ (shoot on sight) ausgab; Marineeinheiten des Landes würden sofort das Feuer auf vietnamesische Flüchtlingsboote in malaysischen Gewässern eröffnen, „und wenn sie ihre Boote versenken, werden sie nicht aufgefischt. Sie werden ertrinken“.

„War das die ‚Endlösung‘?“ fragt Asia Week auf seiner Titelseite. Zwei Tage später zieht Premierminister Hussein Onn den „Schießbefehl“ zurück. Keine Maschinengewehrsalven also – aber Malaysia werde in Zukunft die boat people mit allen Mitteln an ihrer Landung hindern. Man hätte keine andere Alternative, als die Flüchtlinge zurückzuschicken; „es sei denn, wir lassen sie in den Lagern vermodern“.

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Daß Flüchtlinge in Südostasien zurückgewiesen werden, ist inzwischen traurige Tradition. Im überfüllten Hongkong schickten 1978 die englischen Behörden allein 44 000 Chinesen in die Volksrepublik zurück. Das vietnamesische Flüchtlingsboot „Himmelsglück“ lief vorige Woche auf Grund vor Hongkong – 2600 boat people retteten sich auf. einen Fels, nachdem sie 142 Tage lang auf der Reede der Kronkolonie ausgeharrt hatten. Was mit ihnen geschieht, weiß keiner.

Ebenso unsicher ist die Zukunft von 158 000 Flüchtlingen in Thailand (unter ihnen 140 000 Laoten und Meos, 13 000 Kambodschaner und 5000 Vietnamesen). Von 70 000 Kambodscha-Flüchtlingen, die seit dem 7. Januar über Thailands Grenze strömen, sind 41 000 wieder in ihr Herkunftsland deportiert worden – doch immer mehr fliehen vor den vietnamesischen Truppen, vor ihren Schulungskadern, Ideologen und vor ihren Polizisten.

Seit der Eroberung von Saigon im April 1975 sind rund 150 000 boat people an den Küsten Malaysias, Indonesiens, Hongkongs und den Philippinen gelandet.

Wie viele aber sind unterwegs ertrunken?

Niemand wird es genau wissen, aber die Schätzungen schwanken, je nach Wetterlagen, zwischen 20 und 50 Prozent. Der UN-Flüchtlingskommissar in Kuala Lumpur, Rajagopalam Sampat Kumar, schätzt, daß sogar bis zu 70 Prozent mit ihren zerbrechlichen Schiffen und Booten untergegangen seien. Und der Flüchtlingsstrom schwillt weiter an.

Wer sind diese Menschen? Nach Darstellung des sowjetischen Sprechers bei den Gipfelgesprächen in Wien, Leonid Samjatin, gibt es in Wirklichkeit keine Flüchtlinge, sondern „nur Chinesen, die Vietnam und Kambodscha verlassen haben“. Einer dieser „Chinesen“ ist der vietnamesische Englischlehrer Hoang Manh Ninh, ein 34 Jahre alter Ex-Reserveoffizier in der südvietnamesischen Armee.

Zwei Monate nach dem Einmarsch der Sieger in Saigon verfrachtete ihn der Vietcong für drei Jahre in ein „Umerziehungslager“. Nach anderthalb Jahren hatte er „Glück“. Er wurde bei der Explosion einer Waffenkammer so schwer verletzt, daß er zuerst in ein Krankenhaus kam, ehe er in eine der sogenannten „Neuen Wirtschaftszonen“ abkommandiert wurde.

Diese neuen Agrargebiete sollen den neuen „Aufbau des Sozialismus“ in jenen Gebieten Südvietnams, die von amerikanischen Entlaubungsaktionen zerstört worden waren, vorantreiben. Hoang zeichnet allerdings ein anderes Bild: „Die Neuen Wirtschaftszonen sind natürliche Gefängnisse. Ein wahres Elend. Auf der einen Seite lag die kambodschanische Grenze, auf der anderen stand der Vietcong. Die Schlangen waren unsere besten Bewacher.“

Ein anderer Vietnamese, Ngo Van Loc, früher beim amerikanischen Entwicklungsdienst tätig, beschreibt den „Aufbau des Sozialismus“ so: „Wir sollten im Südwesten des Landes Ananas züchten. Man versprach, uns Werkzeug, und genügend Reis bis zur nächsten Ernte. Wir bekamen weder das eine noch das andere.“

Allein sein Rückfall in den gerade besiegten Kapitalismus bot Van Loc eine kleine Überlebenschance: Er bestach einen Beamten des Regimes, der ihn auf dem Schwarzen Markt mit Reis versorgte. Werkzeug zum Roden wurde auf dem gleichen Weg beschafft. Anfang 1974 gelang ihm die Flucht nach Saigon, wo er mit falschen Papieren untertauchte. Vor drei Monaten flüchtete er mit 200 anderen Vietnamesen übers Meer: Ihm blieben die Überfälle der Thai-Piraten nicht erspart, und an Malaysias Küste angekommen, war er noch immer nicht frei – im Gegenteil. Er wird von den Behörden erst einmal als Chinese abgestempelt.

Denn für die muslimischen Malaysier, die mittlerweile 76 000 boat people in Lagern wie Pulau Bidong unter Verschluß halten, zählen in Flüchtlingsfragen weder Linientreue noch Intelligenz, sondern nur Rassen- und Religionszugehörigkeit. Sie haben stillschweigend 1400 Muslim-Khmer aus Kambodscha und 140 000 Muslim-Flüchtlinge aus dem philippinischen Mindanao im Lande angesiedelt. Doch die „Flut aus Vietnam“, so Kuala Lumpurs offiziöse New Straits Time, „ist zur Waffe geworden, wie eine Bomber-Armada, die den Gegner weichschlagen soll“.

Flüchtlinge – oder „illegale Einreisende“, wie sie in der offiziellen Sprachregelung heißen – als Bomben? Das Bild ist verrückt. Gemeint sind ja nicht etwa die 60 Vietnamesen auf Pulau Bidong, die Pater Le Ngoc Trieu selbst als „eingeschleuste kommunistische Agenten“ verdächtigt und diskret überwachen läßt.

Es geht vielmehr um die politischen „Zeitbomben“ – so Premier Hussein Onn –, die angeblich im Land selbst ticken, denn die Regierung sieht in den Vietnam-Chinesen (vor einem halben Jahr 80 Prozent, heute nur knapp die Hälfte aller boat people) den „Marsch der Mongolen“, die das delikate rassische Gleichgewicht des Landes zerstören können.

Rein statistisch scheint dieses Gleichgewicht eher stabil: Die offizielle Volkszählung von 1975 zählt 53 Prozent Malayen, 34 Prozent Chinesen und 12 Prozent Inder.

Die Malayen sind jedoch von der Furcht besessen, daß sie dereinst eine Minderheit im eigenen Land sein könnten.

Echte Rassenharmonie hat es in Malaysia nie gegeben. Wo die Malayen wirtschaftlich nicht mitziehen konnten, haben sie wenigstens die politische Macht an sich gerissen.

Lim Kit Siang, Chef der oppositionellen demokratischen Aktionspartei, die hauptsächlich von Chinesen gewählt wird, drückt das Problem in seinem Parlamentsbüro ganz offen aus: „Die Regierung möchte einen Einwanderungsstrom abblocken, der ihre Machtbasis unterspülen könnte.“

Am einfachsten stellt sich das Problem für die Herren von Hanoi, die eigentlich Schuldigen in dieser asiatischen Flüchtlingstragödie. Tran Le Duc, der Botschaftssprecher der „Sozialistischen Republik Vietnam“ in Kuala Lumpur, zerdrückt eine Krokodilsträne, als er zugibt: „Wir sind nicht sehr glücklich über dieses Problem.“

Aber er kennt die Schuldigen. Es sind die „US-Imperialisten“ und die „Peking-Reaktionäre“. Die einen seien für die „Folgen des Krieges“ verantwortlich, die anderen hätten unter den 1,2 Millionen Vietnam-Chinesen eine „Fünfte Kolonne“ aufgebaut, um den Einmarsch vom Februar dieses Jahres vorzubereiten.

Ein angebliches Mitglied dieser wahnhaften „Spionage- und Kommando-Truppe“ ist der Friseur Heng Vuong Dong, ein Chinese, der unter dem Diem-Regime zwangsnaturalisiert wurde. In Pulau Bidong berichtet er, was ihm angetan wurde: „Während der Cholon-Kampagne in der Nacht vom 24. März 1978 (der Zerstörung des chinesischen Wohn- und Geschäftsviertels von Saigon) wurde mein Haus durchsucht und mein ganzer Besitz beschlagnahmt. Meine Frau und ich wurden acht Monate lang eingesperrt. Anschließend konnte ich nur mit einem Sohn fliehen; meine Frau und drei Kinder sind noch in Vietnam.“

Die Gespräche auf Pulau Bidong lassen keinen Zweifel, daß das Hanoi-Regime, einst revolutionärer Götze der westlichen Jugend, seit vorigem Frühjahr versucht, Vietnam „Chinesen-, rein“ zu machen – und dabei noch gut verdient – 1000 bis 3000 Dollar pro Person. Wahrscheinlich hat der Menschenhandel sogar den Kohleexport, einst Vietnams Hauptdevisenquelle, überholt.

General Saiyud Kerdphol, Chef des thailändischen Generalstabes, sieht in diesem Geschäft eine „rassistische Vertreibungspolitik, die dem Verhalten der Nazis im Zweiten Weltkrieg gleicht“.

Und die „US-Imperialisten“, die für die „Kriegsfolgen“ verantwortlich sein sollen?

Dazu bemerkt ein amerikanischer Diplomat in Kuala Lumpur: „Während des Vietnamkrieges gab es keine boat people“.

Indirekt gibt auch Hanois Botschaftssprecher Tran Le Duc zu, daß diese Flut möglicherweise andere Ursachen hat. „Wir wollen eine Konsumgesellschaft in eine Produktionsgesellschaft umwandeln, und es gibt Vietnamesen, die sich nicht an die neue Ordnung anpassen können.“

Nguyen Dhinh Ngoc, eine 28 Jahre alte Ärztin in Pulau Bidong, beschreibt ihre vietnamesischen Anpassungsschwierigkeiten so: „Ich habe Vietnam verlassen, weil ich nicht mehr frei in meinem Beruf arbeiten konnte. Alle medizinischen Entscheidungen wurden von einem kommunistischen Kaderausschuß getrorren. medizinische Erwägungen wurden politischen Prioritäten unterworfen. Politische Privilegien bestimmten die Verteilung von knappen Medikamenten. Auflehnung hätte zu Berufsverbot, wahrscheinlich zur Verbannung geführt.“

Hanoi hat mittlerweile erkennen müssen, daß der Strom der boat people seine eigene politische Position im südostasiatischen Raum unterschwemmt hat. Malaysia hat sein technisches Hilfsprogramm (wie Bonn eine geplante Finanzhilfe) für Vietnam längst eingefroren, und die fünf Länder des ASEAN-Paktes stocken ihre militärischen Arsenale auf.

Seit Juni wollen die Erben von Ho Chi Minh zwar für eine „ordentliche Ausreise der Chinesen sorgen“, aber nur im Dienste der „Familienzusammenführung und anderer humanitärer Erwägungen“, – und wenn bereits Visa aus den Empfängerländern bereitstehen.

Will Hanoi nun dem Westen den Schwarzen Peter zuschieben? Vorläufig scheint sich das Regime darauf zu beschränken, die nasse Grenze abzuriegeln: Am letzten Wochenende nahmen vietnamesische Schnellboote zwei deutsche Schiffe, die „Alexanderturm“ und die „Nordertor“ unter Beschuß, als sie zwei Flüchtlingsboote in Richtung Singapur abschleppten. Die „Nordertor“ wurde mitsamt den beiden Booten in vietnamesische Gewässer zurückgeschleppt.

In Pulau Bidong schreiben derweil verzweifelte Menschen Hilfebriefe in alle Welt und warten auf das tägliche Boot mit dem Trinkwasser. Das Hospitalschiff Ile de Lumière lichtete am Mittwoch seine Anker. Die ersten Patienten sind bereits in ein neues Krankenhaus verlegt worden. Die Wände sind aus Holz, nicht aus Pappe: Hier wird neuerdings auf Dauer gebaut.

Auf dem Steg in der Lagune werden mir die letzten Briefe in die Hand gedrückt. Pulau Bidong löst sich langsam im warmen Dunst des südchinesischen Meeres auf, aber der Gestank von Kot und Urin bleibt in den Kleidern und im Haar stecken.

Die Ile de Lumière nimmt Kurs auf die Anambas-Inseln nordöstlich von Singapur. Auf diesen gottverlassenen Flecken hausen seit Monaten 30 000 Vietnam-Flüchtlinge. Man hatte sie vergessen. Zeugen, die sie gesehen haben, sagen: „Sie hocken apathisch am Strand.“ Ein Flugzeugpilot, der die Insel überflog, sah ein Schriftzeichen im Sand: „Food“, das heißt: Essen. •