Dreiunddreißig Jahre Strauß: Immer noch Kraft für einen Endspurt

Von Nina Grunenberg

Er ist 63 Jahre alt und seit 33 Jahren eine Figur unseres politischen Lebens. Schon 1949 zog er ins Bonner Parlament ein. Im Jahre 1953 – mit 38 – wurde er Sonderminister im Kabinett Adenauer, zwei Jahre später Minister für Atomfragen, ein Jahr später Verteidigungsminister. Von 1966 bis 1969 verwaltete er im Kabinett der Großen Koalition das Finanzressort. „Der Wunschtraum, du mußt einmal Minister werden, der ist nicht mehr gegeben“, sagte er in einem Gespräch während des bayerischen Wahlkampfes im September 1978, „die Schublade ist leer.“

Dafür wurde er im November vorigen Jahres Ministerpräsident von Bayern, ein Amt, das gerade frei war und in das er sich ohne große innere Überzeugung hineinredete. Viele glaubten, es werde das Altenteil eines Politikers, dessen „Vergangenheit schon am Horizont versinkt“ (Hans-Jochen Vogel), doch war es nur ein Umweg, der ihm alles offenhielt, zumal das eine Ziel, auf das sich sein Sinnen und Trachten verengte.

Obwohl er sich selber immer hoch einschätzte, hat Franz Josef Strauß es bis zuletzt vermieden, laut zu sagen: „Ich will Bundeskanzler werden.“ Doch mitleidlos brachte er jeden zur Strecke, der das Amt an seiner Stelle anstrebte oder errang: Erst Ludwig Erhard, später Rainer Barzel, zuletzt Helmut Kohl. Ob er in all den Jahren des Lauerns, Abwartens und Überlebens je resignierte?

So gut wie ein General, der auf den vierten Stern hofft, weiß auch der Bayer, daß es Konstellationen gibt, bei denen die einen begünstigt, die anderen ausgeschlossen werden. Aber ob er je so weit war wie Helmut Schmidt, der den Traum, Bundeskanzler zu werden, schon im Schatten Willy Brandts begraben hatte, als Guillaume den Lauf der Dinge dann doch unerwartet änderte?

Außer Herbert Wehner hat wohl kein Politiker der Nachkriegszeit die Phantasie so nachhaltig beschäftigt wie Franz Josef Strauß. Was an dem Bayern über dreißig Jahre lang ebenso faszinierte wie abstieß, faßte Egon Bahr noch kürzlich in dem Bonmot zusammen, Strauß habe die Potenz eines Kraftwerkes mit den Sicherungen eines Kuhstalls. Seine Talente wie seine Abgründe, vor allem seine Affären weckten den Anschein, als sei er über die allgemeinen Regeln erhaben, ein Mann legibus absolutus.