Zu den Standardnachrichten aus kommunistischen Staaten im allgemeinen und aus der Tschechoslowakei im besonderen gehören Berichte über Prozesse gegen Bürgerrechtler, Informationen über willkürliche Festnahmen, über Inhaftierungen. Ihr Grund wird nie angegeben und ihre Dauer durch die sozialistische Rechtlichkeit anscheinend nicht begrenzt.

Wie vielseitig das Instrumentarium schon allein der Hilfsorgane der Justiz, der Sicherheitspolizei, der allgemeinen Polizei und der Staatsanwaltschaft dabei ist, hat vor allem die Tschechoslowakei in den letzten Jahren hinlänglich demonstriert. Da wurde ein Festgehaltenen – denn Festgenommener kann man ihn nicht nennen, da er zur Beantwortung von Fragen lediglich „eingeladen“ worden war – stundenlang eisiger Zugluft ausgesetzt: der Philosoph Hejdanek. Da wurden Personalpapiere, deren Besitz in der ČSSR unbedingt nötig ist, um einigermaßen Schutz vor polizeilicher Festnahme zu haben, einfach beschlagnahmt. Die Betroffenen waren dadurch der ständigen Gefahr ausgesetzt, wegen „Herumtreibens“ tageweise festgesetzt zu werden. Die Verhörmethoden sind so brutal, daß ein Charta-Sprecher, der Philosoph Patocka, an den Folgen starb. Die Polizei konfiszierte Autos. Behörden verhängten indirekte Stadtverbote, indem sie Mietwohnungen aufkündigten und entweder keine oder indiskutable Ersatzwohnungen zuwiesen. Namhafte Schriftsteller verloren Pensionsansprüche, weil ihr Verband sie aussperrte. Ohne gerichtliche Verfügungen sahen sich ehemalige Politiker oder namhafte Bürgerrechtler der Gruppe Charta 77 in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus gefangengesetzt. Angehörige der Sicherheitspolizei folgten anderen auf Schritt und Tritt. Kurzum: Die kommunistische Obrigkeit exerzierte durch ihre eigenen Organe den Ernst ihres Verfassungsverständnisses, wonach sich des Schutzes der sozialistischen Ordnung nur erfreuen kann, wer sich widerspruchslos dem System unterordnet.

Daß Kommunisten sich gegen aufsässige Elemente so wehren, wie es ihrer Vorstellung vom Kampf gegen Feinde entspricht und daß es dafür keine Regeln gibt, die einem demokratischen Prüfdruck standhalten, gibt schon lange nicht mehr zu denken. Doch ist die amtliche Schikane anscheinend nicht wirkungsvoll genug, um die Bürgerrechtler zu demoralisieren. Tatsächlich: Wenn es zu Ermittlungen kommt, zu Anklagen und endlich zu Urteilen, muß immerhin noch ein Mindestmaß an gerichtsverwertbarem Material zusammengetragen werden, das wenigstens die Fiktion eines ordentlichen, rechtsstaatlichen Verfahrens aufrechtzuerhalten erlaubt. Damit erlitten die verfolgenden Behörden so manchen Schiffbruch. Er äußerte sich in Strafen, die auf Bewährung ausgesetzt wurden, in niedrigen Strafen oder darin, daß es gar nicht zu Prozessen kam. Die Folge: Die Bürgerrechtsbewegung in der ČSSR wurde lange Zeit nicht wesentlich geschwächt.

Seit einem Jahr nun ist eine Entwicklung zu beobachten, die anscheinend wirkungsvoller als die bis dahin gewählte Methode ist. An die Stelle justizieller Verfolgung und behördlicher Schikane tritt zunehmend deutlich der offene Terror, die blanke Gewalt. Anonyme Helfer besorgen das schmutzige Geschäft, den Bürgerrechtlern das Leben zu vermiesen. Daß es sich um Helfer handelt, weiß jeder, der die propagandistische Behauptung kommunistischer Regime ernst nimmt, in ihren Ländern könne jeder Bürger unbesorgt auch des Nachts durch die Parkanlagen gehen, niemandem geschehe etwas.

Im Frühjahr 1978 klingelte es an der Tür des Reformkommunisten Frantisek Kriegel. Unbekannte Männer schlugen dessen Frau nieder. Sie wurden nie ermittelt.

Mitte Mai letzten Jahres machte sich der Musikwissenschaftler Ivan Medek auf den Weg zum Charta-Sprecher Hejdanek. Die Staatspolizei nahm ihn fest, verhörte ihn im Amtsgebäude, ließ ihn spätnachts frei. Auf der Straße übergaben ihm Beamte den Personalausweis. Während sie umkehrten, bekam Medek einen Schlag über den Kopf, ein Sack wurde ihm übergestülpt. Kräftige Hände zerrten ihn in ein Auto, das nach einer Stunde Fahrt anhielt. Medek wurde niedergeschlagen. Er fand sich 40 Kilometer westlich Prags wieder. Seine Anzeige wurde als „Erfindung“ abgetan.

Bohumil Dolezal war zwei Tage später ebenfalls auf dem Weg zu Hejdanek. Auch er wurde verhaftet, verhört, und zur eigenen Überraschung von der Polizei in Richtung seines Hauses gefahren. In einer Prager Seitenstraße forderten die Beamten ihn auf, das Auto zu verlassen. Ein paar Augenblicke später schlugen unbekannte Männer ihn nieder und verschleppten ihn 60 Kilometer südlich der Stadt.