Die Geschichte eines Pyrenäendorfes während der Katharer-Verfolgung im hohen Mittelalter

Von Richard Schmid

Ein originelles und wichtiges Stück europäischer Geschichtsschreibung, 1975 in Frankreich erschienen, ist in Deutschland kaum beachtet, geschweige denn übersetzt worden, obwohl es ein großer Bucherfolg war. In England und in den Vereinigten Staaten ist es 1978 in englischer Übersetzung herausgekommen:

Emmanuel Le Roy Ladurie: „Montaillou, village occitan de 1294 à 1324“; Verlag Gallimard, Paris, Lw., 642 S., 66,– ffrs.

Das Buch ist eine höchst farbige und lebendige, aber in jeder Einzelheit wissenschaftlich belegte Darstellung des kleinen Gebirgsdorfs Montaillou der französischen Pyrenäen (1300 m über dem Meer) in dem im Titel angegebenen Zeitraum, der Lebensweise, Kultur und Schicksale seiner Bewohner. Der besondere Wert liegt in der Eigenart der Quellen, vor allem in deren Unmittelbarkeit: Die Dorfbewohner reden selber, was dem Wirklichkeitsgehalt und der breiten typischen Geltung zugute kommt. Wie kam das Dorf zu dieser Musterrolle?

Gespräche beim Läusesuchen

Vorauszuschicken ist, daß Professor Ladurie, Historiker am College de France, Verfasser eines im Jahre 1969 erschienenen zweibändigen Werkes über die Bauern des Languedoc ist. Montaillou liegt im südlichen, gebirgigen Teil des Departements Ariège, der alten Grafschaft Foix. Die Stadt Foix selbst und der Bischofssitz Pamiers liegen im nichtgebirgigen Vorland. In Montaillou und seiner Umgebung, die an der Grenze zu Katalonien liegt, hatten sich bis zum Anfang des vierzehnten Jahrhunderts Reste und Nester der im dreizehnten Jahrhundert von der katholischen Inquisition grausam verfolgten, im Tiefland auch so gut wie ausgerotteten Katharer oder Albigenser erhalten können – jener christlichen Glaubensrichtung, die ähnlich wie die in Lyon beheimateten Waldenser als besonders gefährliche Ketzer galten.