Backnang

Das Schauspiel in der Schickhardt-Realschule begleiten die Pennäler jedesmal mit lustvollem Grinsen. Immer wenn die 6 c in Biologie die Formblätter zur Sexualerziehung, etwa „Die Geschlechtsorgane des Mannes“ hervorholt – verläßt Jakob das Klassenzimmer. Während die Mitschüler Eierstöcke und Harnleiter zeichnen, dreht der Junge einsame Runden auf dem Schulhof. Er streikt auf Geheiß seiner Eltern. Sie erblicken in der staatlich betriebenen Aufklärung „einen unerträglichen Angriff auf die Schamhaftigkeit“.

Daß Geschlechtserziehung nicht „auf die Schulbank gehöre“, sondern allein das Recht der Eltern sei, sollen ihnen jetzt die Richter bestätigen. Beim Stuttgarter Verwaltungsgericht klagen die Eheleute auf Unterlassung, womit sie die Befreiung des Zwölfjährigen aus dem Biologieunterricht – wenn Fragen der Sexualkunde behandelt werden – erreichen wollen,

Dabei berufen sie sich auf das grundgesetzlich geschützte Recht der Gewissensfreiheit. Schließlich dürfe Schulzöglingen nicht vorenthalten werden, was auch für Wehrdienstaspiranten gelte, „Die dürfen auch verweigern“, sagt der Vater.

Die Schulleitung suchte Beistand von oben. Das Schulamt wurde bemüht, ob Befreiung von den Sexualstunden möglich sei. Erst das Oberschulamt schließlich winkte ab. Die oberste Schulbehörde verwies auf die besondere Bedeutung der Sexualerziehung als Mittel zur Erziehung zu sittlich verantwortungsvollem Handeln. Zur Aufgabe gehöre, die Pennäler über die biologischen Grundtatsachen der Fortpflanzung des Menschen (Zeugung, Schwangerschaft, Geburt), über seelische Veränderungen während der Pubertät sowie über Menstruation zu unterweisen. Diese Arbeit stelle einen wesentlichen Bestandteil schulischer Erziehung dar und sei verbindlicher Teil fächerübergreifenden Unterrichts.

Den direkt Betroffenen allerdings scheint die Rechtslage nicht so eindeutig. Vielmehr sorgt gerade das Fehlen der vom Bundesverfassungsgericht geforderten gesetzlichen Regelung der Sexualerziehung für die Unsicherheit in Schulen und Elternhäusern, So ist einerseits die Teilnahme am eigenständigen Fach „Sexualkunde“ vom 7. bis 10. Schuljahr durchaus von der Entscheidung der Eltern des Schülers abhängig.

Warum soll die Freiwilligkeit andererseits nicht auch für den Fortpflanzungsstoff in Biologie gelten? So fragen sich mit Jakobs Eltern jetzt auch andere Backnanger, Aufgebrachte Bürger melden sich in den Leserbriefspalten der Lokalblätter zu Wort. Sie beklagen „Vergiftung jugendlicher Seelen“ bis zu „Verführung zum Sex unter Jugendlichen“. Zornig prophezeit ein Leser schon einen „Sturm gegen die Übergriffe des Kultusministeriums auf die elterlichen Erziehungsrechte“.