Die Annoncen sind – nicht zum erstenmal – irreführend: Da werben der Verleih und die Kinos für einen neuen Film von Robert Altman, dem man nach dem Erfolg seiner „Hochzeit“ offenbar selbst hierzulande eine gewisse kommerzielle Zugkraft zutraut. Dabei hätte der produktivste aller amerikanischer Filmemacher beim besten Willen keine Zeit gehabt, auch noch dieses Werk seines ehemaligen Regie-Assistenten Alan Rudolph selber zu inszenieren: Seit „A Wedding“ (1978) sind in den USA schon wieder zwei Altman-Filme veröffentlicht worden („Quintet“ und „A Perfect Couple“, beide recht unfreundlich rezensiert), und ein dritter („Health“, mit Lauren Bacall und Dick Cavett) befindet sich gerade in Arbeit. Altmans Produktionstempo zeugt nicht zuletzt von einer gewissen List: Wenn der eine Film die Erwartungen der Hollywood-Finanziers nicht erfüllt, ist der nächste schon abgedreht und der dritte nicht mehr zu stoppen. So handelt ein „maverick“, der um fast keinen Preis bereit ist, sich mit der Industrie bequem zu arrangieren.

Von Altmans Schaffenswut, die inzwischen eine eigene Produktionsfirma („Lion’s Gate“) ernährt, profitieren auch seine ständigen Mitarbeiter (ähnlich wie bei Fassbinder, der ja ebenfalls einigen Freunden zu ihrem Regie-Debüt verhalf). Alan Rudolph, 33 Jahre alt, gehört seit 1973 zu Altmans Wanderzirkus: zunächst als „assistant director“, bei „Buffalo Bill und die Indianer“ schon als Co-Autor und seit zwei Jahren auch als Regisseur. „Welcome to L. A.“ hieß Rudolphs erster Film, von Altman produziert, eine melancholische, fragmentarisch erzählte Viel-Personen-Ballade von großstädtischer Entfremdung an einem warmen kalifornischen Weihnachtstag: geprägt sowohl von der offenen Dramaturgie von „Nashville“ als auch von dem verhangenen Mystizismus der „Drei Frauen“, aber doch schon viel mehr als eine nur epigonale Fingerübung.

Auch Rudolphs neue Altman-Produktion, deren vieldeutig interpretierbarer Titel „Remember My Name“ in der deutschen Version eine fatale Eindeutigkeit verpaßt bekommt – „Du wirst noch an mich denken!“ –, verleugnet den Einfluß des Meisters nicht. Wie Altman hält auch der begabteste seiner Schüler wenig von den Traditionen und Konventionen des klassischen amerikanischen Erzählkinos. Er eignet sich zwar einen Stoff an, den vor dreißig oder vierzig Jahren Regisseure wie Michael Curtiz oder Irving Rapper mit einem Star wie Bette Davis oder Joan Crawford als schwerblütiges Melodram („weepie“) für die weibliche Kundschaft leicht hätten verfilmen können, aber er inszeniert ihn konsequent gegen den Strich, verwandelt eine simple Rache- in eine sehr komplizierte Liebesgeschichte, ein opulentes Melodram in eine subtile Studie über kleinbürgerlichen Reihenhaus-Terror.

Nach zwölf Jahren im Gefängnis kehrt Emily unerkannt in ihre kleine Heimatstadt zurück, um sich an ihrem Mann zu rächen. Damals hatte sie seine Freundin im Affekt getötet, jetzt schickt sie sich an, seine zweite Ehe zu zerstören. Dennoch kommt es zu einer späten Versöhnung, die Neue packt eifersüchtig die Koffer, doch nach der Liebesnacht verläßt Emily endgültig den Ort. Zerstörte Beziehungen und ein verzweifelter Mann bleiben auf der Walstatt.

So ungefähr wäre die Geschichte wohl erzählt worden, wenn sich die Warner Brothers 1945 für sie interessiert hätten. Bei Rudolph büßt sie ihre Eindeutigkeit ein. Erst sehr allmählich erfährt der Zuschauer, woher die Frau mit den seltsam gehetzten Bewegungen kommt, warum sie im Vorgarten des netten Ehepaares die Blumenbeete verwüstet, nachts einen schweren Stein durchs Schlafzimmerfenster schleudert, die Frau mit einem Messer bedroht, ein beschauliches Heim in einen Kriegsschauplatz verwandelt.

Geraldine Chaplin, auch sie seit „Nashville“ ein Mitglied des Altman-Clans und eine der Darstellerinnen in Rudolphs „Welcome to L. A.“, spielt die große Wut der Emily Curry mit mühsam kontrollierter Hysterie, aber schon bald merkt man, daß es Rudolph um mehr ging, als um die Beschreibung eines klinischen Falles. Emily, als Supermarkt-Kassiererin von ihren Kollegen mißtrauisch beobachtet, wütet weniger gegen Neil, ihren Mann (Anthony Perkins, noch immer so schlank und schlaksig wie in „Psycho“), als gegen die lähmende Gleichgültigkeit des Kleinstadtalltags. Während im Fernsehen immer wieder Horrorbilder von einem Erdbeben im fernen Rumänien laufen, erleidet sie die totale Indifferenz ihrer Umgebung.

In einer der besten, beiläufigsten Sequenzen fragt Emily einen Supermarktaufseher, ob das Rauchen im Laden gestattet sei. Er nickt, sie bietet ihm eine Zigarette an, er lehnt sie wortlos ab. Als sie schon ein paar Schritte weiter ist, zieht er eine Zigarettenschachtel hervor und steckt sich eine an. Es ist Eiszeit, auch in der Ehe von Neil und Barbara, die bei der geringsten Belastung sofort zerbricht. In dieser Welt eingefrorener Gefühle, deren Geschäftigkeit Rudolph schon in „Welcome to L. A.“ beschrieb, werden Emilys destruktive Impulse immer deutlicher als Liebeswerben erkennbar. Mit Gewalt, mal bettelnd, mal dreinschlagend, versucht sie das Eis zu schmelzen, aber niemand ist mehr in der Lage, ihre impulsive Leidenschaftlichkeit zu ertragen. Terror und Liebe werden eins, für die Figuren wie die Zuschauer.