Kiel

Bei Kiel gleich um die Ecke liegt Ottendorf. Das hatte bislang niemand so recht zur Kenntnis genommen. Außer den Ottendorfern, versteht sich. Aber seit sechs Monaten kommen immer wieder Fremde, Architekten, Energiefachleute, Umweltschützer in den kleinen Ort. „Sogar die Politischen aus Kiel und der Graf“, erzählt ein Bauer, womit Landwirtschaftsminister Günter Flessner und der Präsident der Landwirtschaftskammer, Johann Graf zu Rantzau, gemeint sind.

Das geht nun seit Weihnachten vergangenen Jahres so, und schuld daran sind die 73 Mastbullen von Bauer Seil. Nicht, weil die so gut im Fleisch sind, kommen die Besucher, sondern weil das durchnumerierte, namenlose Rindvieh, das alle zwei Jahre auf den Schlachthof wandert, neben Fleisch auch Wärme produziert, kostbare Energie.

„Die heizen mir“, berichtet Hans Sell nun zum soundsovielten Male, aber fassungslos darüber wie am ersten Tag, „mein zweigeschossiges Wohnhaus. Das sind immerhin 250 Quadratmeter, jeder Raum drei Meter hoch. Und das Wasser noch dazu.“

Körperwärme und Atem der Tiere werden über Ventilation von einer Stallwärmepumpe gespeichert, die nach dem Kühlschrankprinzip funktioniert, bloß umgekehrt. Kälte gibt der dreimotorige Kasten mit insgesamt 15 PS ab, die aufgenommene Wärme wird auf ein höheres Temperaturniveau gepumpt. Bauer Seil, der ohne Wärmepumpe 10 000 Liter Heizöl im Jahr verbrauchte, wird nun unterm Strich etwa 1000 Mark jährlich einsparen können, trotz doppelt so hohem Stromverbrauch, denn die Energie-Pumpe braucht selbst ihr gehöriges Quantum an Energie, um Bullenwärme auf bis zu 60 Grad hochzutransportieren.

Es ist die erste Anlage dieser Art in Schleswig-Holstein. Für rund 38 000 Mark ließ sie sich Seil in seinem Stall installieren. 15 000 Mark gab das Land ihm dazu, denn Landwirtschaftskammer und Ministerium sind interessiert an energiesparenden Experimenten.

Würden – so hat Minister Flessner ausrechnen lassen – die in Frage kommenden 10 000 Rinderhaltungs- und 3000 Schweinemastbetriebe im nördlichsten Bundesland jeweils eine Wärmepumpanlage betreiben, könnten wohl 75 Millionen Liter Heizöl im Jahr gespart werden. Eine beachtliche Summe. Bedenklich macht allein der hohe Stromverbrauch, der sich dann auf 13 000 Bauernhöfen verdoppeln würde.