Eine neue Form der Verweigerung breitet sich aus – Die unverarbeitete eigene Schuld macht die Erwachsenen unfähig zur Solidarität mit der Jugend

Von Horst-Eberhard Richter

Warum wollen die Erwachsenen, daß Kinder so oder so werden? Weil sie selber so geworden und damit zufrieden sind? Oder weil sie gern so geworden wären, aber es nicht geschafft haben und sich nun quasi durch die Kinder für ihren Mißerfolg entschädigen wollen? Oder verleugnen sie ihr eigenes Gescieitertsein und können aus Ressentiment ihren Kindern keine bessere Entwicklung gönnen?

Wollen wir definieren, was unsere Kinder lernen sollen, dann können wir diese Aufgabe also keineswegs abtrennen von einer selbstkritischen Überprüfung unserer jeweiligen persönlichen Verfassung bzw. des Zustandes unserer Erwachsenengesellschaft schlechthin. Denn die Kinder registrieren viel genauer, als uns lieb sein mag, ob wir selber damit identifiziert sind, was wir von ihnen fordern, und ob wir, wenn das zutrifft, damit unsere Probleme gut lösen können.

Ob sie es nun sollen oder nicht, Kinder reagieren in einem gerade von der Pädagogik oft unterschätzten Maße darauf, wie ihre Umwelt tatsächlich beschaffen ist und weniger darauf, was ihnen gesagt und was mit ihnen gemacht wird. Der effektivste Erziehungseinfluß ist die Wirklichkeit selbst, welche die Kinder vorfinden. Und deshalb bedeutet Mut zur Erziehung eigentlich etwas ganz anderes, als was die Mehrzahl der Pädagogen und Bildungspolitiker bei ihrem Gesprächsforum 1978 darunter verstanden und propagiert hat. Jene Experten dachten an den eigenen Mut, selbstsicherer, entschlossener und fordernder an die Kinder heranzugehen. Dies bedeutet indessen gerade eine Absage an eine andere und letztlich wichtigere Art von Mut, nämlich die kritische Selbstbesinnung und die Selbsterziehung der Erzieher als zentralen Teil der Gesamtaufgabe Erziehung ernst zu nehmen. Man redete sich geradezu ein, diesen selbstkritischen Teil der Erziehung als zweitrangig zurückzustellen und die Bedenken verdrängen zu dürfen, ob wir im Augenblick überhaupt selber wissen, wie die Probleme unserer Gesellschaft zu lösen sind und welchen Weg wir dazu zusammen mit der nachfolgenden Generation einzuschlagen haben. Tatsächlich befinden wir uns aber gegenwärtig in einer solchen Orientierungskrise. Und es gehört wahrhaftig mehr Mut dazu, sich diese Lage einzugestehen, als sich zu suggerieren, man müsse nur das Gute, das man genau kenne und besitze, wieder nachdrücklicher und offensiver den Kindern vermitteln.

Dies ist ja eine gerade hierzulande ebenso traditionelle wie fatale Verdrängungsstrategie: Die Ängste, die bei wachsenden Zweifeln an der Tauglichkeit herkömmlicher Prinzipien und Normen wach werden, können nicht ertragen werden und werden zum Angriff auf diejenigen umgeleitet, die diese allgemeinen Zweifel am krassesten artikulieren. Man flüchtet nach vorn und verwandelt den inneren Zwiespalt in eine scheinbare äußere Bedrohung. Gleich wird man sich wieder sicher fühlen, indem man die sich angeblich von selbst verstehende vorhandene Ordnung mit gepanzertem Selbstvertrauen gegen angebliche Repräsentanten der Zersetzung und des geistig-sittlichen Verfalls verteidigen zu müssen meint.

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