Von Jost Nolte

Es kann so gewesen, sein: Dir Polizeimeister und Drogen-Dealer Detlev Riese stand plötzlich in der Tür zur Küche des kleinen, bald abbruchreifen Hauses hinter dem Bürgermeister-Stahn-Wall in Nienburg an der Weser. Riese zielte beidhändig mit einer Pistole vom Kaliber 7,65 Millimeter und schoß dreimal auf den Arbeiter Günter Lach, der gerade dabei war, sich eine Spritze mit „Berliner Tinke“, einem Gebräu aus Morphinbase und Essigsäure, beizubringen. Die Schüsse trafen Lach schräg von hinten am linken Ohr und fünf sowie acht Zentimeter darüber. Zwei von ihnen waren tödlich.

Kaum anderthalb Meter von Lach entfernt saß an einem Tisch Rieses türkischer Freund und Blutsbruder Kenan Töremis. Er hatte eine Mundharmonika in der Hand..Riese winkte ihm mit der Pistole und forderte ihn auf, mit ihm das Haus zu verlassen. Töremis gehorchte.

Es kann auch so gewesen sein: Detlev Riese fuhr in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai 1973 mit Kenan Töremis im eigenen Wagen von Berlin nach Nienburg, um Lach zehn Gramm Morphin zu bringen. Lach war nicht zu Hause. Riese und Töremis trafen ihn aber bald auf der Straße. Sie gingen mit ihm in seine Wohnung. Riese gab ihm den Stoff und kassierte 150 oder 160 Mark. Lach machte sich in der Küche sofort daran, die Base aufzukochen. Riese war müde und legte sich im Wohnzimmer auf eine Couch. Er stellte ein Tonbandgerät an und drehte die Musik ziemlich laut. Trotzdem schlief er sofort ein. Ihn schreckte ein Geräusch auf, das er nicht identifizierte. Töremis kam in den Raum. Er hatte eine Pistole in der Hand und sagte, er habe Mist gemacht. Riese solle in die Küche kommen. In der Küche saß Günter Lach blutüberströmt auf einem Stuhl. Er war tot.

Die erste Darstellung der Tat stammt von Kenan Töremis, die zweite von Detlev Riese. Sie belasten sich gegenseitig, seit sie am 8. Juni 1973 in Izmir festgenommen wurden. Dorthin waren sie geflohen, nachdem in der Zeitung gestanden hatte, die Spuren der Tat von Nienburg führten nach Berlin. Riese erzählte der türkischen Polizei zunächst, ein Unbekannter habe Günter Lach von draußen erschossen. Als er begriff, daß er auf Betreiben der Familie Töremis verhaftet worden war und sein Freund Kenan gegen ihn aussagte, bezichtigte er Kenan des Mordes.

Die türkische Polizei lieferte Riese nach Deutschland aus und setzte Kenan Töremis nach dreizehn Monaten auf freien Fuß. Als die zuständige Staatsanwaltschaft in Verden an der Aller Töremis versicherte, daß man ihm in der Bundesrepublik keinen Prozeß machen werde, kam auch er zurück. Er blieb bei seiner Version, und ihm geschah tatsächlich nichts, obwohl er zumindest dringend verdächtig war, mit erheblichen Mengen von Rauschgift gehandelt zu haben.

Im Februar und März 1976 stand Detlev Riese in Verden zum erstenmal vor dem Schwurgericht. Unter dem Vorsitz des Landgerichtspräsidenten Heinrich Beckmann verurteilte es ihn zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis, weil er von 1970 oder 1971 an bis zu seiner Verhaftung mit acht bis zehn Kilogramm Rauschgift gehandelt habe. Außerdem bekundete das Gericht seine Überzeugung, daß Riese und nicht Töremis durch jene drei Schüsse Günter Lach getötet habe.